Le grimpeur (der Bergfahrer) 2. Etappe Digne – Saint André-les-Alpes

7. April 2026

Am Morgen war ich beim Frühstück mit zwei Frauen ins Gespräch gekommen: Rhonda aus Kalifornien und Beate aus Deutschland. Während jene mit ihrem Mann in Nice lebt und die Freiheit geniesst, nachdem alle drei Kinder selbständig sind, führt Beate mit ihrem Bruder in Lauterbach bei Frankfurt ein Geschäft für regionale Produkte. Die Region heisst Vogelsberg und ist das einzige vulkanische Gebiet Deutschlands.

Während des Frühstücks las ich auch die regionale Zeitung „Provence“, die in den Hotels aufliegt. Besonders interessiert mich ein Beitrag über die Trinkwassergewinnung aus Meerwasser via Solarenergie. Die Trockenheit in Südfrankreich im Zusammenhang mit dem Klimawandel ist ein grosses Problem, dem mit technologischen Innovationen begegnet wird.

Es ist schon 11 Uhr, als ich mich auf den Weg mache. Die Etappe hat es in sich. Auf mich wartet der Aufstieg zum Col du Corobin, von Digne aus muss ich 600 Höhenmeter überwinden. Ich fahre in ein Seitental hinein, in dem sich die alten Thermalbäder von Digne befinden. Zuerst noch flach, beginnt die Strasse langsam zu steigen. Das Wetter ist hervorragend. Auf dem 2-stündigen Weg zum Pass wird mir ein einziges Auto begegnen.

Die Passstrasse ist gut signalisiert. Was ich bereits in den Beinen spüre, zeigt die Tafel. Nachdem zuerst eine Steigung von 6% angegeben worden ist, die ich noch einigermassen gut bewältigen kann, geht es bis 10% hoch. Das ist eine Steigung wie jene auf den Mont Ventoux, mit dem Unterschied, dass sie dort während zweieinhalb Stunden zwischen 9 und 11% variiert und ein Höhenunterschied von 1700 Metern zu bewältigen ist.

Ich muss mehrmals vom Velo steigen und eine Pause einlegen. Ein Riegel leistet wertvolle Unterstützung. Ich lausche dem Rauschen des Windes in den Föhrenwäldern. Damals am Mont Ventoux im Juli 2005 war ich 44 Jahre alt, hatte mich während des Frühlings auf die Radtour mit Freunden vorbereitet und von Uster aus mehrmals den Pfannenstiel befahren. In jener Zeit war ich es gewohnt, bis zu 2000 Höhenmeter am Tag zu bewältigen.

20 Jahre später helfe ich mir mit der Serpentinen-Technik. Ich quere die Strasse auf ihrer ganzen Breite hin und her. (Wir nennen dies in unserem Dialekt „Ringgeli Ränggeli“). So habe ich weniger Steigung und brauche weniger Kraft. Tatsächlich wurde die Strasse auch selbst teilweise in Serpentinen angelegt, so dass es in den Kurven immer wieder kurze Momente der Erholung gibt.

Was mich diese Steigungen fahren und nicht umkehren lässt, würde ich so beschreiben: Ich habe mir ein Ziel vorgenommen und möchte es erreichen. Ich weiss nicht, wie lange meine Muskelkraft ausreicht. Umso mehr hilft mir meine Hartnäckigkeit. Und es ist sicher auch die Erfahrung von Tausenden von Kilometern, die ich in meinem Leben schon auf dem Velo unterwegs war – als Höhepunkt meine Veloreise zu meinem 50. Geburtstag von Uster nach Sankt Petersburg (Link Blog).

Die Landschaft ist Teil des UNESCO-Welterbes. Sie ist kaum besiedelt. Ich begegne nur einem kleinen Weiler, wo sich offenbar eine Künstlerkolonie niedergelassen hat. Nachdem ich einen ersten Pass (Col de Pierre Basse, 1065 m) bewältigt habe, erhole ich mich auf einer kurzen Abfahrt – wohlwissend, dass ich diese Meter zum finalen Pass nochmal überwinden muss. Da das Ziel naht, der Riegel hilft und die Steigung wieder etwas moderater ist, komme ich besser voran. Und dann ist er erreicht: Col du Corobin. Salutations!

Ich sitze auf dem Mäuerchen, das die Strasse begrenzt, und lasse die Beine baumeln. Ich esse mein Picknick und geniesse den Blick in die Landschaft. Nur das Rauschen des Windes ist zu hören. Ich bin ganz alleine hier. Es ist eine Form von Einsamkeit, die ich liebe. Beobachten, wahrnehmen, fühlen, denken. In solchen Momenten bin ich glücklich.

Es folgt, was ich am Liebsten tue: schnell runterfahren. Mein Tacho zeigt als Höchstgeschwindigkeit 55,2 km an. Ich bin kein Hasardeur, vor unübersichtlichen Kurven bremse ich ab – aber ich will natürlich nicht dauernd auf der Bremse stehen.

Gegen halb 4 Uhr erreiche ich Saint André-les-Alpes. Und was sehe ich: Boulespieler! Ich bin magisch angezogen, setze mich auf eine Bank neben den Spielfeldern und verfolge das Spiel. Es wird à la longue gespielt, auf eine Distanz bis 15 m. Das Spiel ist eher mit Boccia zu vergleichen, die Kugeln werden gerollt.

Bis auf dem Nachbarfeld das Spiel beginnt, das ich selber spiele: Pétanque. Ich wechsle ein paar anerkennende Worte mit einem Spieler, dem es zwei Mal gelingt, seine Kugel näher ans Cochonnet zu setzen als die gegnerische. Er fragt mich, ob ich ein „professionnel“ sei. Ich frage ihn: „Professionnel de quoi?“. Er meint, ich würde von der Postur her wie ein Radrennfahrer aussehen.

Das Kompliment ist ja schön, aber die Beine sagen bzw. spüren etwas Anderes. Wenn schon würde ich mich als „professionnel de la pétanque“ bezeichnen, weil ich das Spiel seit 37 Jahren spiele. Aber das hört er nicht oder will es nicht hören. Und es ist eine Form von Eigenlob, die mit der Realität ja auch nicht ganz übereinstimmt, gäll Ruedi? (Ruedi meinte zum gestrigen Blog und dem Turnier in Peipin, der Text sei gut geschrieben, enthalte aber „etwas viel Eigenlob“.)

Boule-Spiel à la longue in Saint André les Alpes
Pétanque-Spiel auf kürzere Distanz (max. 10 m)

Vor dem Essen im Restaurant „La table de Marie“, wo ich froh bin, eine Portion Teigwaren essen zu können, mache ich einen Spaziergang durch‘s Dorf und in die unmittelbare Umgebung. Auch hier erlebe ich wieder eine wunderbare Abendstimmung mit Berggipfeln, auf denen noch Schnee liegt.

Nachtrag: Bei einem Zwischenhalt in Moriez, kurz bevor ich Saint André-les-Alpes erreichte, entdeckte ich einen kleinen Bahnhof. Auf den ersten Blick schien er nicht mehr in Betrieb zu sein. Aber es ist eine immer noch funktionierende Eisenbahnlinie, die Nizza mit Digne-les-Bains verbindet. Da fällt mir ein Gedenkstein auf, wie es sie hier häufig gibt. Eine Hinrichtung, die am 14. Juni 1944 stattfand. Da sind sie wieder, „les Allemands“ und ihre Kriegsverbrechen (s. mein kürzlicher Beitrag über das Buch von Götz Aly, Link Beitrag)