Mein Vater und Saint Barnabé 3. Etappe Saint André-les-Alpes – Soleilhas
Bevor ich heute Morgen losfahren will, erhalte ich ein Telefon von der Seniorenresidenz Senevita in Pratteln, wo mein 91-jähriger Vater lebt. Er sei in der Nacht gestürzt und habe über Schmerzen am Bein geklagt. Er sei notfallmässig ins Spital Bruderholz bei Basel transportiert worden.
Später erhalte ich einen Anruf von der Anästhesistin des Spitals. Mein Vater müsse operiert werden. Dazu brauche es eine Vollnarkose. Diese sei in seinem Alter mit Risiken verbunden. Nach Rücksprache mit meiner Schwester Gabriela willige ich ein. Der Chirurg, genannt Operateur, bestätigt meine Befürchtungen nicht, es handle sich um einen Oberschenkelhalsbruch. Aber es müsse ein Nagel eingeführt werden, um die Knochen zu stabilisieren. Er ist zuversichtlich, dass die Operation gelingen wird, aber die Narkose kann Nachwirkungen haben.
Ich hatte meinen Vater vor meiner Abreise besucht, im Wissen darum, dass er jederzeit stürzen und sich verletzen könnte. Bereits während meiner letzten beiden Aufenthalte in Südfrankreich jeweils im Herbst musste er nach Stürzen im Spital behandelt werden. Da ich nun länger weg bin, kann ich meine beiden Schwestern nur aus der Ferne unterstützen.
In Gedanken an meinen Vater fahre ich los, entlang dem Lac de Castillon, einem Stausee. Das Dorf sei zu diesem Zweck geflutet worden, lese ich auf Wikipedia. Wir kennen solche Geschichten auch aus der Schweiz. Karl Saurer hat zum Sihlsee den eindrücklichen Film „Der Traum vom grossen blauen Wasser“ realisiert. Ich nehme an, dass auch im Fall des Dorfes Castillon die Interessen der Bewohner weniger stark gewichtet wurden wie jene der Elektrizitätswirtschaft.
Nachdem ich vom Stausee Richtung Col de San Barnabé losgefahren bin und schon ein grosses Stück der Steigung hinter mich gebracht habe, klingelt das Telefon. Es ist der Chirurg. Die Operation sei gut verlaufen, mein Vater sei nun im Aufwachraum. Ich bin erleichtert.
Zum Saint Barnabé finde ich auf Google Folgendes: „Der Heilige Barnabas: Ein früher christlicher Apostel und Begleiter des Paulus, bekannt als "Sohn des Trostes".
Auch der Aufstieg geht diesmal etwas leichter. Ich muss zwar wiederum zwei Pausen einlegen. Aber die Muskulatur hat dazugelernt. Sie weiss nun, was gefordert ist. Phänomenal, wie der Körper situativ mit Anforderungen umgeht. Auf der Webseite „routedesgrandesalpes“ steht zum Aufstieg:
„ Auch wenn dieser Abschnitt mit einer Steigung von fast 8 % der schwierigste ist, können Sie hier schnell an Höhe gewinnen und eine wunderschöne Aussicht auf den See genießen. Anschließend ermöglicht die Verkettung von 8 Serpentinen einen ruhigeren Aufstieg auf einem Gefälle von 6 %.“
Schliesslich mache ich das obligate Foto –immer auch ein Beweis, dass ich keine Fake-News verbreite, sondern wirklich auf 1365 m Höhe war. Damit habe ich wohl das Dach meiner Tour nach Nizza erreicht.
Während des Aufstiegs nutze ich eine Pause, um Mitteilungen auf meinem Handy zu checken. Da meldet sich meine nächste Unterkunft:
„Bonjour
Nous vous remercions pour votre réservation. Le restaurant du village a fermé. Nous pouvons vous proposer pour 20 € par personne : Salade ou gratin de saison, assiette de charcuterie et dessert. Vous pouvez si vous voulez porter votre pique-nique et manger dans le jardin ou dans la salle à manger. Nous vous remercions de nous dire si vous voulez que nous vous préparions le repas.
Bien cordialement
Françoise et Alain“
Très sympas je dirais. Ich sage auch gleich zu. Als ich bereits um 2 Uhr vor der Tür stehe, empfängt mich Françoise und zeigt mir mein Zimmer. Später setze ich mich in ihren Garten. Da kommt Alain nach Hause, mit dem ich ins Gespräch komme. Er heisst Fisch. Es stellt sich heraus, dass seine Grosseltern aus einem Dorf im Thurgau stammen und unabhängig voneinander, ohne dass sie sich kannten, in Cannes landeten, wo sie sich in der reformierten Kirche erstmals begegneten.
Madame serviert mir eine exzellente Quiche, der Teig selbst gemacht aus einem Mehl der Gegend. Dazu ein Salat. Zum Schluss gibt’s ein selbst gemachtes Yoghurt mit Aprikosen. Morgen werde ich zum Frühstück ein Ei der eigenen Hühner kriegen. Ein Bed and Breakfest vom Feinsten. Bonne nuit!