Wie konnte das geschehen? Buch des Historikers Götz Aly (2025)

31. März 2026

Heute habe ich das neue Buch des deutschen Historikers  Götz Aly gekauft und zu lesen begonnen: „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“. Es geht der Frage nach, wie es möglich war, dass die deutsche Bevölkerung Hitlers Kriege und die Vernichtung der europäischen Juden unterstützte.

Warum interessiert mich diese Frage? Ich bin in dritter Generation Nachfahre eines Deutschen. Mein Grossvater Theodor Stich, geboren 1900 im Allgäu, war 1923 auf Arbeitssuche als Schreiner in die Schweiz eingewandert. In Alpnach fand er in der florierenden Parkettindustrie ein Auskommen. Er heiratete eine Tochter seines Arbeitgebers. Mein Vater Theodor Michael Stich kam 1934 als Deutscher auf die Welt. Die Familie wurde erst 1949 eingebürgert.

Ich bin 1960 zur Welt gekommen, also nur 15 Jahre nach Kriegsende. Während unserer Besuche bei den Grosseltern war der Krieg und der Nationalsozialismus nie ein Gesprächsthema gewesen. Ich wunderte mich später, dass ich es trotz meines Geschichtsstudiums an der Universität Basel in den 80er-Jahren verpasst hatte, meinen Grossvater zu jener Zeit zu befragen. Erst nach seinem Tod 1989 besuchte ich einmal ein sogenanntes Stich-Treffen im Allgäu und kam mit Verwandten ins Gespräch.

Mein Verhältnis zu Deutschland war zu jener Zeit kritisch. Je mehr ich über den Zweiten Weltkrieg und die Vernichtung der Juden erfahren hatte, desto stärker irritierte mich die Vorstellung, dass sich Deutsche für diese Verbrechen hatten mobilisieren lassen. Deshalb zog es mich auch nie nach Deutschland. Ferien machte ich immer in andern Ländern.

Mein Vater erzählte wenig darüber, wie es war, als Deutscher in der Schweiz aufzuwachsen. Er erwähnte nur mal, dass ihm auf dem Schulweg „Hitlerbube“ nachgerufen worden sei. Und dass zuhause im Büchergestell Hitlers „Mein Kampf“ plötzlich gefehlt habe. Glücklicherweise war mein Grossvater schon zu alt, um noch in den Krieg eingezogen zu werden. Ob er jemals ein Aufgebot gekriegt hatte, weiss ich nicht.

Das erste Mal vom Holocaust habe ich im letzten Jahr des Gymnasiums erfahren. 1979 sorgte die amerikanische TV-Serie gleichen Namens für Aufsehen. Unser Geschichtslehrer nutzte die Gelegenheit, um anstelle der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts, bei der wir erst angelangt waren, auf das aktuelle Thema einzugehen. Später an der Universität besuchte ich ein Seminar zum Nationalsozialismus. In dessen Rahmen schrieb ich eine Arbeit über die Emigration und das Exil von Deutschen. Als ich für meine Abschlussarbeit ein Thema suchte, schlug mir mein Professor vor, die Basler Flüchtlingspolitik jener Zeit zu untersuchen.

Das war ein Wendepunkt in meinem Leben. Die Auseinandersetzung mit Geschichte sensibilisierte mich für aktuelle Entwicklungen. Ich begann mich in einer asylpolitischen Gruppe zu engagieren. In jenem Jahr wurde im Fernsehen die Filmreihe „Shoah“ von Claude Lanzmann erstmals ausgestrahlt. Auf diesem Weg habe ich mehr und mehr erkannt, wie Ausgrenzung und Rassismus zum Genozid führen.

Später habe ich selbst Filme gedreht, die sich mit der Schweiz und ihrer Verwicklung mit den Geschehnissen in Deutschland beschäftigen. „Stationen einer Flucht oder Das Asyl zu Basel“ (1990) erzählt die Geschichte des Wiener Juden Heinrich Ungar, der 1938 in die Schweiz flüchtete. (Link Film) Und in „La casa dei tedeschi“ (1997) bin ich den Spuren eines deutschen Lungensanatoriums im Tessin nachgegangen, das Standort einer Ortsgruppe der NSDAP war. (Link Film)

Nun also wieder Deutschland. Ich bin gespannt, ob und was ich Neues in diesem Alterswerk des renommierten Historikers Götz Aly erfahren werde. Zu meiner Studienzeit versuchte man den Nationalsozialismus mit Faschismustheorien zu verstehen. Nun lese ich bei Aly, dass dank vielfältiger empirischer Studien heute eine viel breitere Quellenbasis dank Digitalisierung leichter verfügbar sei.

Was bleibt, ist, dass für ihn Goebbels und Hitler zentrale Figuren seines Buches sind. Da werde ich skeptisch. Natürlich geben die Reden Hitlers und die Tagebücher von Goebbels einen wichtigen Einblick in Denkweise und Mentalität von Führungsfiguren. Aber es erinnert mich an eine bereits zu meiner Zeit hinterfragte Wissenschaft, die sich vor allem der Geschichte grosser Männer widmet. Interessanter ist für mich sein Ansatz, „die Voraussetzungen, Herrschaftspraktiken und Dynamiken so genau wie möglich [zu] beschreiben.“