Auf Spurensuche 1. Etappe Sisteron – Digne-les-Bains
6. April 2026
Der Angestellte des Hotels, der mich um 8 Uhr zum Frühstück begrüsste, bestätigte meine Vermutung, dass es noch ziemlich frisch ist: als er um 6 Uhr aufgestanden sei, habe er 4 Grad Celsius gemessen. So kann ich mir Zeit für ein ausführliches Frühstück nehmen. Später setzt sich ein Paar mit einem Hund an den Nebentisch. Klein, Typ Kläffer. Sobald sich jemand dem Tisch näherte, begann er zu knurren. In Luzern hat unsere Nachbarin ebenfalls einen solchen Hund. Dass er bei der kleinsten Bewegung im Treppenhaus Laut gibt, erklärt sie damit, dass er ein halber Chihuahua sei, die als Wachhunde ausgebildet worden seien.
Um 10 Uhr mache ich mich auf den Weg. Zuerst überquere ich die Brücke über die Durance und stehe am Fuss des Felsens. Doch der Blick bzw. die Perspektive ist weit weniger interessant wie gestern. Weiterfahrt bis nach Peipin und Spurensuche nach einem Bouleplatz, auf dem Ruedi und ich vor 10 Jahren ein Turnier gespielt haben, das Teil unserer Erinnerungen ist, die wir immer mal wieder gern hervorkramen. Ein typischer Bouleplatz, wie ihn in Südfrankreich fast jedes Dorf hat. Sandboden, auf dem die Kugeln vor allem gerollt werden (wir sagen „chügele“). Wir bevorzugen kiesige Böden.
Wir starteten auf dem Nebenplatz ins Turnier, „Terrain libre“ genannt, weil hier die Spielfelder nicht mit Linien voneinander abgegrenzt sind. Dort standen wir zwei jungen Franzosen gegenüber, die das Spiel nicht ganz ernst nahmen. Grund: Sie halten Ausländer nicht für fähig, Boule spielen zu können – eine Einschätzung, die sie mit vielen Südfranzös:innen teilen.
Im Fall der jungen Franzosen war die Haltung herablassend. Das spornte uns natürlich umso mehr an, ihnen den Meister zu zeigen. Die Gelegenheit dazu ergab sich, als sie in einer Mène (einem Durchgang) bereits alle Kugeln gespielt und wir noch übrig hatten. Mein geschultes Auge erkannte sofort, dass sich für uns die Möglichkeit ergab, auf einen Streich 5 Punkte zu schreiben. Ich musste dazu eine ihrer Kugeln wegschiessen und mit meiner eigenen Kugel liegen bleiben (genannt Carreau). Das gelang mir. Von diesem Moment an änderte sich ihre Einstellung schlagartig. Erstens unterschätzten sie uns nicht mehr, zweitens gewannen sie das Spiel.
Der Sieg im zweiten Spiel ging an uns, nicht weil wir besonders gut gespielt hätten, sondern weil einer unserer Gegner sichtlich alkoholisiert war. Dann kam es zur dritten und letzten Partie. Eine Französin in unserem Alter spielte mit einem sympathischen jungen Mann zusammen, der sich sofort als sehr guter Spieler herausstellte. Wir konnten jedoch recht gut mithalten, es war ein ausgeglichenes Spiel. Als Ruedi mich gegen Schluss etwas im Stich (sic!) liess, begann ich „das Spiel meines Lebens“ (Aussage Ruedi) zu spielen. Es gelangen mir schwierigste Schüsse, ich spielte praktisch ohne Fehlkugel über mehrere Mènes. Das reichte jedoch nicht, wir verloren die Partie schliesslich 8:13.
Es war ein Flow, in den ich mich gespielt hatte. Ein wunderbares Gefühl, wenn Dinge gelingen, die du beabsichtigt hast. Was mir besonders in Erinnerung bleibt, ist die Geste des jungen Mannes. Nach jeder Partie ist es üblich, dass sich die Gegner:innen die Hände geben. Er umarmte mich. Ich empfand es als Wertschätzung und Anerkennung meiner Leistung.
Ich fahre weiter nach Malijai, ein kleines Dorf, wo ich trotz Ostermontag wie erhofft einen Laden finde, der offen hat. Dort kaufe ich mir etwas zum picknicken ein und setze mich auf eine Bank in einem schönen Park. Ich bin die einzige Person. Der Park wird schon genutzt, rund um die beiden Sitzbänke liegt Abfall. Kein Wunder: es gibt im ganzen Park keinen Abfallkübel. Ich geniesse die Ruhe und mache eine kurze Siesta.
Dann fahre ich weiter nach Digne les Bains. Ein zweites Wiedersehen, eine weitere Geschichte mit Ruedi. Diesmal wieder aus dem Jahr 1994. Auch wir waren damals auf unserer ersten Etappe nach Digne geradelt. Wir stiegen ab im Hotel Petit Saint Jean direkt am Hauptplatz. Vor dem Hotel gab’s einen Kiesplatz. Der Chef des Hotels leihte uns Boule-Kugeln, und so starteten wir eine Partie, ein sogenanntes „Tête-à-tête“.
Das Petit Saint Jean steht immer noch, nur ist es kein Hotel mehr. Als ich mich dem Gebäude nähere, kommt ein Mann auf mich zu, der dort gerade dran ist, etwas aufzuräumen. Es stellt sich heraus, dass er der Schwiegersohn des damaligen Hotelchefs ist. Er hat mit seiner Frau aus den Hotelzimmern Wohnungen gemacht, die sie wochen- oder monatsweise vermieten. Um das Hotel weiterzuführen, hätten sie aus feuerpolizeilichen Gründen investieren müssen. Das war ihnen zu teuer. Hinzu kam die Pandemie. Auch andere grössere Hotels hätten geschlossen. Ich zeige ihm das Foto von damals. Leider sei sein Schwiegervater an Demenz erkrankt und lebe in einem Pflegeheim. Der Bouleplatz habe einem unterirdischen Parkgebäude weichen müssen.
Neben dem Petit Saint Jean war schon damals und ist auch heute ein Restaurant. Als ich dort eintrete, sitzt der Koch mit den Angestellten am Tisch. Sie haben offenbar gerade gegessen. Die Küche würde um 7 Uhr öffnen. Ich setze mich draussen an einen Tisch in der Abendsonne. Der ältere Mann, der mich bedient, stellt sich als ehemaliger Angestellter der Schweizer Firma Adia Interim heraus – eine Firma für Temporärarbeit, die in ihrem Logo den vitruvianischen Menschen von Leonardo da Vinci zeigte.
Die Firma hatte ihren Hauptsitz in Lausanne und war ein in Europa führendes Unternehmen für Zeitarbeit. Er habe mal im Hotel Savoy übernachten dürfen. Als Adia Interim 1996 mit dem französischen Unternehmen Ecco zu Adecco fusionierte, dem damals weltweit grössten Anbieter dieser Branche, habe er die Firma verlassen. Inzwischen ist er pensioniert und wieder nach Digne, seinem Geburtsort zurückgekehrt, wo er seinem Bruder im Restaurant hilft.