Ende meiner Auszeit 5. April bis 15. Mai 2026
15. Mai 2026
6:32 fährt der Zug in Sausset ein. Ich bin zu früh dort und habe noch Zeit für Fotos. Auf dem gegenüberliegenden Perron warten eine Frau und zwei Männer auf den Zug nach Marseille. Dieser fährt zuerst ein. Während er am Abfahren ist, taucht bereits mein Zug auf. Ich bin der einzige Passagier, der in Sausset zusteigt.
In Miramas hoffe ich, im Bahnhof ein Café oder einen Shop zu finden, wo ich mir ein Croissant und einen Milchkaffee kaufen kann. Doch da ist nichts von Beidem, nur Selbstbedienungsautomaten. So beginne ich im Zug nach Avignon mein erstes Sandwich, das ich mir gestern Abend zubereitet habe, zu essen.
In Avignon habe ich nur wenig Zeit zum Umsteigen. Als ich auf dem Perron ankomme, steht da bereits der Zug und ein Schaffner. Er verlangt von mir die Veloreservation (Kostenpunkt: 1 €). Es lohnt sich, dass ich beim Buchen der Tickets die entsprechenden Webseiten von SNCF besucht habe, in denen die Strecken aufgelistet sind, auf denen Reservationen nötig sind.
Während der Fahrt nach Lyon beginne ich, darüber nachzudenken, wie ich meine Auszeit erlebt habe. Ich war viel alleine unterwegs – eine Erfahrung, die mir von früheren Erlebnissen her vertraut ist. Damit sich das Alleinsein gut anfühlt, braucht es jedoch für mich einige wichtige Elemente.
Da war die Komposition, an der ich regelmässig arbeitete, meist am Morgen nach dem Frühstück. Ich wollte tätig sein. Ich sah mich nicht als Tourist, der Ferien macht und Sehenswürdigkeiten anschaut. Umso wichtiger waren für mich die Kontakte zu den Pétanque-Spieler:innen. Ich konnte in ihre Welt eintauchen und erlebte mit ihnen zusammen den Alltag als Pensionierte.
Mir wird bewusst, wie selbstverständlich ich in Luzern am Quai Menschen zum Spiel treffe. Tatsächlich ist es von unschätzbarem Wert, ein solches Netz zu haben. Auch wenn daraus bisher nur wenige Freundschaften entstanden sind, die über das Spiel hinausgehen, ist es ein Ort, wo ich zuverlässig Gesellschaft finde, wenn ich sie suche.
Wichtig für meine Zufriedenheit war auch, dass ich für den Blog schreiben und fotographieren konnte. Häufig schrieb ich abends. Im Nu waren drei Stunden um. Ich staunte, wieviel Zeit ich für das Formulieren und Editieren der Beiträge benötigte. Manchmal las ich sie an den Folgetagen nochmals und änderte nicht selten Formulierungen.
Der Blog ist ein „journal intime“, das mir ermöglicht, mein Erleben zu reflektieren. Es ist zuallererst für mich, Familie, Angehörige und Freund:innen bestimmt. Sie können, wenn sie das wollen, Anteil an meinem Erleben nehmen – insbesondere dann, wenn ich für mich alleine unterwegs bin. Es ist aber auch für die Öffentlichkeit bestimmt, insofern ich als Filmemacher und Historiker weiterhin Erfahrungen und Erkenntnisse als Mensch und Bürger dieses Landes teilen möchte.
Und da war schliesslich noch die Lektüre, die zuhause viel zu kurz kommt. Das Buch von Götz Aly, das ich vor meiner Abreise gekauft habe (Link Blogbeitrag), begleitete mich in den letzten sechs Wochen. Ich bin zwar erst bei knapp der Hälfte angelangt. Aber bereits seine Schilderungen der Vorkriegszeit zeigen eindrücklich, wie Hitler und sein Regime mit geschickter Sozialpolitik eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung für sich gewinnen konnten, bevor sie eine Aufrüstung lostraten, die den Staat derart verschuldete, dass die Juden enteignet und Nachbarländer ausgeraubt werden mussten, damit die NS-Herrschaft nicht Konkurs ging.
Doch selbst mit dieser für mich gelungenen Mischung von Musik, Pétanque, Blog und Lesen wären ganze sechs Wochen allein mit mir für mich zu viel der Einsamkeit gewesen, denke ich jetzt zwischen Bern und Luzern. Ich war glücklich, mir liebe Menschen auf Besuch zu haben. Zuerst Kathrin, später Ruedi. Und sie waren es auch, mit denen ich vorher und nachher immer mal wieder über WhatsApp oder per Telefon im Kontakt war.
Wer erwartet mich zuhause? Kathrin wird mich am Bahnhof Luzern abholen. Ich freue mich, sie in meine Arme schliessen zu können. Wir haben uns vier Wochen nicht mehr gesehen. Ich bin gespannt zu hören, wie sie die Zeit allein mit sich erlebt hat.
Frühere Abwesenheiten im Ausland hatten jeweils den Effekt, dass ich bei der Rückkehr Einiges mit fremden Augen sah. Das heisst: Ich nahm bewusster wahr. Die Schweiz, die Schweizer:innen, ihre Dialekte, ihre Gewohnheiten und Bräuche. Vielleicht war eine Entfremdung passiert. Im Zug von Lyon nach Genf waren zwei Schweizer Paare miteinander im angeregten Gespräch. Ich mied solche Gespräche und setzte den Kopfhörer auf, um dank Musik nicht zuhören zu müssen. Ich wollte noch etwas in meinem Film bleiben und die wertvolle Zeit, die ich im Ausland hatte verbringen dürfen, nachwirken lassen.
Während ich früher der Schweiz gegenüber vor allem kritisch war, bin ich heute auch dankbar, dass ich in einem demokratischen Land aufwachsen durfte. A propos Demokratie: Am 14. Juni steht die Abstimmung über eine SVP-Initiative an, die die Bevölkerung der Schweiz auf 10 Mio Menschen beschränken will. Als Nachkomme eines deutschen Zuwanderers bin ich dankbar, dass mein Grossvater in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts die Möglichkeit erhielt, hier eine Existenz aufzubauen.