Nach der Auszeit Ankommen und erste Termine

18. Mai 2026

Letzten Freitag war ich um 6 Uhr abends in Luzern mit dem Zug angekommen. Kathrin empfing mich mit einem Blumenstrauss auf dem Perron. Was für eine schöne Überraschung! Ich konnte sie gar nicht richtig umarmen, weil ich mit der einen Hand das Velo halten musste. Wir spazierten durch die Bahnhofshalle und die Neustadt nach Hause. Es war alles noch so, wie ich es in Erinnerung hatte. Einzig die Fassade des Hotels Monopol war in der Zwischenzeit eingerüstet worden.

Vom Gefühl der Entfremdung, wie ich sie früher manchmal bei der Rückkehr erlebt hatte, keine Spur. Auch zuhause war mir alles wieder so vertraut, wie wenn ich gar nicht weggewesen wäre. Es war ein Nachhausekommen. Und dafür war vor allem Kathrin verantwortlich. Wir tranken zuerst einen Apéro, ich hatte Zeit zu erzählen. Später kochte sie. Es war ein sehr schönes Ankommen, weil wir Zeit für uns allein hatten.

Am Samstag war Auspacken angesagt. Darauf gingen wir zusammen einkaufen. Nach dem Einkauf setzten wir uns ins Café Salü am Helvetiaplatz und tranken Kaffee. Ein wunderbares Interieur im französischen Stil, einer meiner Lieblingsorte in Luzern. Einige Sitzplätze befinden sich am Fenster, der Blick geht raus auf den Park, in dem am Samstag immer Marktstände von Bäuer:innen aus der Umgebung stehen.

Am Abend essen wir an einem weiteren Lieblingsort: das Restaurant „Neustadt“ mit seinem knorrig-sympathischen Wirt Rolli. Wir gehen vor allem wegen der Cordon-Bleu hin. Und wir verbinden es gleich mit einem Sprung auf die andere Strassenseite in die Bettstadt-Bar von Roger. Er ist eigentlich immer gut gelaunt, ausser er erzählt davon, dass er sein B&B per 2027 aufgeben muss. Ihm macht die Gesetzesänderung zu schaffen, die zukünftig verbietet, dass Wohnraum für gewerbsmässige Zwecke verwendet werden kann. Eine Änderung, die sich vor allem gegen die grossen Plattformen wie AirB&B richtet, um der sich verstärkenden Wohnungsnot in den Städten entgegenzuwirken. Roger fehlt damit die Basis seiner Existenz, weil er von der Bar allein nicht leben kann. Aber er wäre nicht Roger, wenn er nicht schon etwas im Köcher hätte. Davon mehr zu einem späteren Zeitpunkt, wenn das Ganze in trockenen Tüchern ist.

Weil ich es so liebe, dem Ursprung von Redewendungen auf den Grund zu gehen, hier die Antwort von Google bzw. deren KI:„Die Redewendung „etwas ist in trockenen Tüchern“ bedeutet, dass ein Projekt, Vertrag oder eine Verhandlung erfolgreich abgeschlossen und abgesichert ist. Die Herkunft ist nicht absolut gesichert, stammt aber höchstwahrscheinlich aus dem 18./19. Jahrhundert, als Neugeborene nach der Geburt in frische, trockene Windeln gewickelt wurden.“

Arlette und Michi übernachteten bei uns. Es sind Freunde aus Basel, die wegen eines Festes ein verlängertes Wochenende in Luzern verbrachten, und die Gelegenheit nutzten, um bei uns vorbeizuschauen. Am Sonntag Morgen hatten wir Zeit, während eines ausgedehnten Brunch über das, was uns bewegt, zu erzählen. Michi ist Hausarzt mit eigener Praxis, Arlette Gymnasiallehrerin für Deutsch und Geschichte und Prorektorin. Letztere Funktion wird sie per Ende Schuljahr abgeben und mehr Zeit für sich und ihre Passion haben, das Schreiben. Wir sind gespannt, was für ein Projekt sie anpacken wird.

Wir nehmen mit ihnen den Zug nach Basel und steigen in Liestal aus, um auf den Regionalzug nach Pratteln zu wechseln. Ziel: die Altersresidenz „Sonnenpark“ von Senevita, wo mein Vater in einer Alterswohnung lebte, bis er Anfang April erneut stürzte. Er brach den Oberschenkel, wurde im Spital Bruderholz operiert und verbrachte dort die letzten Wochen in der Rehabilitation. Nun ist er am letzten Freitag nach Pratteln zurückgekehrt.

Wir gehen in die Pflegeabteilung im 2. Stock, wo uns die Pflegerin zu einem Zimmer führt. Sie öffnet die Tür. Mein Vater sitzt in einem Rollstuhl und ist gerade etwas aufgeregt. Er hatte vergeblich den Alarm betätigt. Nun bringt die Pflegerin ein Ersatzkabel. Er lächelt freudig, als er uns sieht. Sein Gesicht ist blass, er hat an Gewicht verloren. Wir setzen uns an den Tisch und lassen ihn erzählen. Er kann trotz Reha immer noch nicht selbständig gehen, hofft aber, dass er wieder zurück in seine Wohnung kann.

Wir gehen mit ihm runter ins Restaurant. An einem Tisch sitzen zwei Frauen, die ebenfalls Bewohnerinnen in der Residenz sind. Sie haben meinen Vater seit Längerem nicht mehr gesehen und freuen sich über seine Rückkehr. Mein Vater ist gerührt. Er hält die Hände der einen und macht ihr Komplimente, wie gut sie aussehe. Ich kenne ihn gar nicht von dieser herzlichen Seite gegenüber seinen Mitbewohner:innen.

Am Montag telefoniere ich mit der Pflegedienstleiterin. Sie schlägt vor, dass mal die nächsten beiden Wochen abgewartet werden soll, welche Fortschritte mein Vater beim Gehen macht. Dann kann sie auch beurteilen, wie hoch der Pflegeaufwand ist. Davon hängt ab, ob er weiterhin in seiner Wohnung leben kann.

Darauf habe ich einen Zoom-Termin mit Ed Partyka, meinem Dozenten an der Hochschule für Musik Luzern. Er checkt die Formatierung der Einzelstimmen meiner Komposition für Bigband. Dabei findet er noch ein paar Details, die ich korrigieren muss. Aber sonst scheint alles gut vorbereitet, dass die Probe am Mittwoch einen ersten Test ermöglicht. Entsprechend kann ich am Nachmittag die Partitur und alle Einzelstimmen an David Grottschreiber schicken, den Leiter der Bigband.