Wiedersehen mit Carry-le-Rouet Roland, der Pétanque-Meister, zum Zweiten
7. Mai 2026
Am Morgen hatte ich zuerst eine Zoom-Sitzung mit meinen Kolleg:innen vom Verein Journalistory. Wir zeigen unsere Ausstellung "Auf der Suche nach der Wahrheit. Wir und der Journalismus" im Moment an der PH Thurgau in Kreuzlingen (Link PH Thurgau). Seit die Ausstellung im März 2023 ihre Premiere feierte, haben sie mehr als 40'000 Menschen besucht, darunter 740 Schulklassen.
Ein Highlight steht uns noch bevor. Die Ausstellung wird im Herbst erstmals im Ausland gezeigt: im Herzogtum Luxemburg. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen RTL stellt die Räumlichkeiten, die Uni Luxemburg erarbeitet spezifische Inhalte, die die Geschichte der Medien im Herzogtum erzählen. Die Schweizer Botschaft ist Partner der Vernissage am 21. September und einer Podiumsdiskussion am 6. Oktober 2026.
Nach der Sitzung arbeite ich weiter an meiner Komposition "Hanami" für die Bigband der Hochschule für Musik Luzern. Nach einem Picknick im Garten der Wohnung fahre ich mit dem Velo los Richtung Carry. Erinnerungen kommen hoch an den Herbst 1999. Damals fuhr ich mit Edo Caretta, einem Spieler des Pétanque-Clubs Zürich, per Velo in einer Woche von Genf über Montelimar und Arles nach Carry, um dort mit gemeinsamen Freund:innen aus dem Club eine Woche Ferien zu verbringen. Während der Fahrt machten wir unliebsame Bekanntschaft mit dem Mistral. Einmal wehte er so stark, dass wir seitlich versetzt fahren mussten, um uns gegenseitig etwas Windschatten zu geben. Die Kehrseite dieses Fallwindes ist, dass – wenn du ihn im Rücken hast – in der Ebene Geschwindigkeiten über 40 Stundenkilometer möglich sind. Es fühlt sich wie Fliegen an.
Die letzte Etappe führte uns über Martigues und Sausset nach Carry. In Martigues hatte ich erstmals auf der Tour einen Platten. Dann ging's nochmal in eine Steigung, bevor wir uns Carry näherten. Edo meinte augenzwinkernd, auf gleicher Höhe neben mir fahrend, auf dem letzten Kilometer würde nicht mehr angegriffen. Heute sehe ich schon von Weitem die Spitze des Hochhauses. Dann geht's in die kurze Abfahrt runter zum Kreisel beim Hafen. Alles ist noch unverändert wie im letzten Herbst, als ich wieder mit Edo und weiteren Pétanqueuren aus Zürich hier war. Ohne anzuhalten, fahre ich das Dorf hoch. Denn ich habe nur ein Ziel: den Pétanque-Club Carry. Auch dort zeigt sich das vertraute Bild. Erste Spieler:innen befinden sich auf dem Platz. Das Clubhaus ist offen. Einzelne Spieler erkenne ich wieder und begrüsse sie, die einen mit einem Nicken, die andern per Handschlag.
Über einen der Spieler habe ich bereits gestern geschrieben: Roland Sembolini. Nun sitzt er auf einem Mäuerchen, im Gespräch mit einem andern Pétanque-Spieler. Wir tauschen uns aus über unsere Eindrücke vom gestrigen Finalspiel. Er bestätigt, dass die junge Equipe sehr viel Potential hat, aber dass ihr in heiklen Spielsituationen die Führung durch einen erfahrenen Spieler fehle. Stattdessen würden sie strategisch, beeinflusst durch ihre Emotionen, falsche Entscheidungen treffen.
Ich schreibe mich für das Turnier ein. Im Unterschied zu Nizza muss ich hier nicht Clubmitglied sein, es reicht meine Schweizer Lizenz. Zudem bietet der Club nicht nur heute, sondern mehrmals in der Woche sogenannte Mêlée-Turniere an, bei denen man mit zwei andern Spieler:innen, die einem zugelost werden, ein Team bildet. Weil hier relativ viele Frauen mitspielen, achtet der Club bei der Auslosung darauf, dass pro Team eine Frau mit zwei Männern spielt.
Ich sehe, wie der Mann, bei dem ich mich für das Turnier eingeschrieben habe, ein Holzbrett an die Aussenwand des Clubhauses hängt. Darauf stehen die Auslosungen. Ich gehe hin und suche meinen Namen. Meine Spielpartnerin ist Bernadette, mein Spielpartner Roland – ja, Roland Sembolini. Was für eine Ehre! Er hat damals Ende der 90er-Jahre nicht nur unseren Grand Prix von Zürich drei Mal gewonnen, sondern auch einmal die Marseillaise, das grösste Pétanque-Turnier der Welt. Schliesslich wurde er 2003 französischer Meister bei den Veteranen.
Die folgenden Erläuterungen sind für Spezialisten und Eingeweihte des Pétanque-Spiels gedacht, die sich die geschilderten Szenen vorstellen und einfühlen können, wie emotional herausfordernd und technisch anspruchsvoll dieses Spiel ist. Allen Andern sage ich Tschüss bis zum nächsten Blog-Beitrag.:-)
Bevor wir die Partie beginnen, frage ich Roland, welche Rolle er übernehmen will. Ich sei in der Regel in einer Triplette der Pointeur oder das Milieu. Ob er die Position des Tireurs übernehmen würde? Er willigt ein. Die Partie ist ziemlich ausgeglichen. Bis am Schluss einer Mène (eines Durchgangs) Roland noch als Einziger eine Kugel hat. Er entscheidet sich zu schiessen. Unglücklicherweise trifft er unsere Kugel. Die Gegner schreiben drei Punkte. Dummerweise passiert ihm das Missgeschick ein zweites Mal. Da schlägt er mir vor, dass wir die Rollen tauschen.
Das Terrain ist nicht einfach zum Schiessen. Man muss die fremde Kugel direkt treffen. Wenn man etwas zu kurz ist, springt die eigene Kugel wieder vom Boden hoch. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich nur wenig zum Schiessen gekommen, aber hatte doch einmal getroffen. Das zeigte Roland wohl, dass ich dazu fähig bin. Tatsächlich kann ich im weiteren Verlauf des Spiels einige Kugeln wegschiessen. Bernadette gelingen immer wieder gute Punkte. Und weil der gegnerische Schütze kaum trifft, können wir das Spiel drehen und gewinnen.
Das zweite Spiel ist ein Highlight. Die Gegner sind stärker. Insbesondere der Schütze trifft regelmässig. Bernadette hat Phasen, in denen keine ihrer beiden Kugeln den Punkt macht. Sie hadert mit sich. Ich kann ein gutes Niveau halten. Als Milieu gelingen mir einige wichtige Punkte. Je enger das Spiel wird, desto mehr kommen die Qualitäten von Roland zur Geltung. Nun beginnt er beim Schiessen zu treffen. In einer Mène schiessen wir beide zusammen vier Mal und treffen alle Kugeln. Eine sehr gute Ausbeute (das können Kenner:innen bestätigen, gäll Ruedi!?).
Im zweitletzten Durchgang stehen wir mit dem Rücken zur Wand. Ich habe noch eine Kugel, der Gegner zwei. Ich muss unbedingt mit meiner Kugel den Punkt gewinnen, noch besser: ich muss sie vor der gegnerischen platzieren, damit der Schütze beim Schiessen Gefahr läuft, die Kugel der eigenen Mannschaft zu treffen (Konter). Das gelingt mir. Tatsächlich verzichtet der Schütze darauf, meine Kugel zu attackieren. Stattdessen versuchen sie mit den restlichen beiden Kugeln einen weiteren Punkt zu schreiben, was den Sieg bedeuten würde. Das gelingt ihnen nicht.
Der Höhepunkt ist der letzte Durchgang. Es steht 11:12 aus unserer Sicht. Die Gegner haben alle Kugeln gespielt. Die erste Kugel von Bernadette macht immer noch den Punkt. Es steht also im Moment 12:12, und es braucht nur noch einen Punkt für den Sieg. Bernadette spielt ihre zweite Kugel zu kurz. Noch schlimmer: diese liegt nun direkt in der Linie des Spiels und erschwert Roland und mir, eine Kugel in die Nähe des Cochonnet zu spielen. Leicht rechts von der Ideallinie liegen gefährlich zwei Kugeln der Gegner. Es besteht die Gefahr, dass wir diese nach vorne stossen, am Ende die Gegner den Punkt schreiben und die Partie gewinnen.
Roland und ich besprechen die Spielsituation. Wir sind uns einig, dass ich einen Schuss auf die fremden beiden Kugeln wagen soll. Der Schuss geht daneben. Dann kommt der Moment des Roland Sembolini. Seine erste Kugel gerät leicht zu kurz, aber sie liegt so gut, dass er sie mit seiner zweiten Kugel nach vorne stossen kann. Dazu muss diese aber so genau gespielt sein, dass sie in nicht zu starkem Tempo ganz gerade auf seine erste Kugel trifft. Da spielen Millimeter eine Rolle. Roland holt aus, wirft seine Kugel halbhoch in die Luft, sie trifft auf den Boden (das Donnée, das er zuvor besichtigt und ausgewählt hat) und rollt auf seine erste Kugel zu, bis sie diese leicht nach vorne stösst. 13:12.
Die Gegner für das dritte und letzte Spiel warten bereits auf uns. Einer von ihnen ist ein regelmässiger Spielpartner von Roland. Ich würde diese letzte Partie gerne noch spielen, aber Roland schlägt vor, dass wir auf die Partie verzichten und das Preisgeld mit den Gegnern teilen – eine gängige Praxis im Süden Frankreichs. Da bleibt mir und Bernadette nichts Anderes übrig, als sie zu akzeptieren. Für jeden gibt es 12 Euro 50. Ich lade Bernadette und Roland zu einem Getränk an der Bar ein und freue mich über die gelungenen Spiele.
Was mich an Roland am meisten beeindruckt: Wenn es eng wird und er spürt, dass er die Partie zu verlieren droht, spielt er auf höchstem Niveau. Er wächst an der Herausforderung. Wenn er emotional wird, ärgert er sich über sich selbst. Kein schlechtes Wort gegen uns, wenn mal eine Kugel misslingt. Ein sehr sympathischer und bescheidener Mensch. Chapeau! Et merci beaucoup Roland pour cet après-midi inoubliable!