Ausfahrt nach Martigues La Côte Bleue und das Hinterland
10. Mai 2006
Mein letzter Blogeintrag stammt von Donnerstag. Höchste Zeit nachzutragen, was sich in der Zwischenzeit zugetragen hat.
Erster Nachtrag – oder Roland, der Pétanque-Meister, zum Dritten. Gestern fand wieder ein Mêlée-Turnier in Carry statt. Auch Roland war dort. Ich erzählte ihm, dass mich unsere gemeinsamen Partien vom Donnerstag zum Schreiben motiviert hätten. Ich zeige ihm auf meinem iPhone den Blogeintrag mit den Fotos und erwähne die wichtigsten Episoden, die von ihm handeln. Dabei erfahre ich, dass er in seinem Berufsleben Feuerwehrmann gewesen ist. Carry‘s Feuerwehr sei mit jener von Zürich „jumelé“, das heisst, dass es freundschaftliche Verbindungen gibt, die man mit gegenseitigen Besuchen am Leben erhält.
Martine, meine mir zugeloste Mitspielerin, vermutet, dass Roland Jahrgang 1940 hat. Unglaublich, wie gut dieser Mann mit 86 Jahren immer noch Pétanque spielt – wahrscheinlich seit rund 70 Jahren. Das Spiel seines Lebens. Dank des hohen Alters hat er schon viele Entwicklungen miterlebt, aber irgendwann offenbar abgehängt. Roland sagt, er habe weder eine Mail-Adresse noch ein Smartphone.
Mit Martine und Bernard verliere ich die erste Partie. Das Problem: weder Bernard noch ich sind wirklich Tireurs. Zuerst versucht er es mit Würfen, in denen er die Kugel nicht durch die Luft wirft, um die fremde Kugel direkt zu treffen, sondern sie über den Boden flitzen lässt. Entsprechend ist der Erfolg zufällig, weil Bodenunebenheiten den Weg der Kugel beeinflussen. Da seine Technik („à la raffle“) wenig erfolgreich ist, muss ich ran. Meine Schusstechnik (die erste Variante) ist zwar weniger vom Boden, aber umsomehr vom Bewegungsablauf abhängig. Es fehlt an der Präzision. Mein Niveau ist nicht zu vergleichen mit dem Rendement vom Donnerstag.
Wir spielen im Trostturnier („consolance“) – Trost deshalb, weil wir aus dem Hauptturnier ausgeschieden sind – und gewinnen die zweite Partie. Mit der letzten Kugel schaffe ich das, was Roland am Donnerstag gelungen ist. Diesmal muss ich mit meiner Kugel eine fremde leicht nach hinten schubsen, damit wir 5 Punkte schreiben. Es gelingt und wir gewinnen die Partie. Auch die dritte und letzte Partie geht an uns. Wieder Zahltag: diesmal gibt’s 15 Euro (die Einschreibegebühr ist jeweils 5 Euro).
Im Restaurant Acapulco am Hafen esse ich einen Burger und verfolge das Geschehen. Es ist Freitag Abend und reger Betrieb. Mir scheint, es sind vor allem Franzosen und Französinnen, die mit einem Apéro ins Wochenende starten.
Am Freitag und Samstag Morgen habe ich fleissig an meiner Komposition gearbeitet. Freundlicherweise haben mir meine Gastgeber:innen ein Keyboard mitsamt dem Verstärker ausgeliehen, damit ich harmonische Varianten ausprobieren kann. Das hilft mir, als ich den Schlussakkord suche. Ich entscheide mich für einen meiner Lieblingsakkorde: ein Mollakkord mit grosser Septime. Er hält die Stimmung im Ungewissen, es ist wie ein offener Schluss.
Als Kostprobe hier das Stück in seiner provisorischen Fassung vom 10. Mai. Die Stimme wie auch die Instrumente sind künstliche Klänge (Notationsprogramm Sibelius). Als Komponist arbeite ich sehr lange mit solchen Hilfsklängen. Man gewöhnt sich fast ein bisschen daran. Umso schöner, wenn eine Band aus Fleisch und Blut das Stück zum Leben erweckt. Am Mittwoch in einer Woche wird es soweit sein. Die Bigband der Hochschule für Musik Luzern wird mein Stück das erste Mal proben.
Am Sonntag Morgen beschäftige ich mich mit meiner Rückreise. Da ich mein Velo nicht zusammenlege und in einen Sack verstaue, kann ich nicht mit den TGV reisen, sondern nur mit den TER. Die SNCF-App zeigt mir jedoch auf der Strecke Marseille-Lyon nur TGV an. Bei der SBB-App hingegen kann ich diese in den Voreinstellungen ausschliessen. So komme ich zu meiner Verbindung: vier Mal umsteigen in L‘Estaque, Valence, Lyon und Genf. Nur dauert die Reise 12 Stunden und ich bin erst um acht Uhr zuhause. Deshalb überlege ich mir, schon am Freitag zurückzureisen, wenn die Reise nur 10,5 Stunden dauert und ich schon um sechs Uhr zuhause bin. Denn ich möchte gerne mit Kathrin meine Rückkehr bei einem Abendessen in einem Restaurant feiern.
Ich mache einen Spaziergang zum Bahnhof von Sausset, wo ich hoffe, von den Schalterbeamt:innen Auskünfte zu bekommen. Doch Fehlanzeige: der Bahnhof ist nur am Mittwoch und Donnerstag während je zwei Stunden durch eine mobile Equipe bedient. Wir klagen ja auch in der Schweiz über den Abbau beim Service publique, aber wir sind noch weit von den Zuständen in andern Ländern entfernt.
In Sausset ist Markt. Ich schlendere zwischen den Ständen mit dem Gedanken, dass ich hier ein Geschenk für Kathrin finden könnte. An einem Stand mit diversem Schmuck entdecke ich Armbänder und wähle drei aus. Verkäuferin Magalie findet, es sollten Armbänder mit verschiedenen Steinen sein. Ich hingegen achte mehr darauf, dass die drei in den Farbtönen ähnlich sind.
Für Mittag ist etwas Regen angesagt. Aber es sind nur ein paar unwesentliche Tröpfchen, die ich auf den Steinplatten vor dem Wohnungseingang erkenne. Deshalb setze ich in die Tat um, was ich mir vorgenommen habe: eine kleine Ausfahrt an die Küste und nach Martigues, das ich bereits von einem Ausflug mit den Pétanque-Freunden aus Zürich kenne.
Ich fahre nach Carro. Da ich den Weg verpasse, komme ich ans Cap Couronne mit dem Leuchtturm. Das Meer ist recht bewegt, es hat nur wenige Leute. Als ich später in Carro am Hafen eine kurze Pause einlege und mich auf eine Bank setze, sehe ich den Leuchtturm ein zweites Mal zwischen den Häusern hervorlugen.
Während der Weiterfahrt erkenne ich von Weitem Industrieanlagen. Ich denke zuerst an chemische Industrie. Tatsächlich ist es ein Kraftwerk, die „Centrale Cycle Combiné Gaz de Martigues“. Was sich dahinter genau versteckt, lese ich bei Wikipedia:
„Ein Gas-und-Dampf-Kombikraftwerk oder Gas-und-Dampfturbinen-Kraftwerk (kurz GuD-Kraftwerk) bezeichnet das Zusammenwirken der Verbrennungskraftmaschine Gasturbine mit der Wärmekraftmaschine Dampfturbine, deren verschiedene thermodynamischen Kreisprozesse miteinander kombiniert werden. Dabei können Wirkungsgrade bis zu 64,18 % bei Emissionen von ca. 450 g CO2-eq/kWh (Kohlenstoffdioxidäquivalent) und Einhaltung der gesetzlichen Grenzwerte für Stickoxide erreicht werden, so dass diese Kraftwerksart zu den effizientesten konventionellen (fossil befeuerten) Kraftwerken gehört. Hinzu kommen kurze Anfahrzeiten und die damit verbundene Möglichkeit einer schnellen Reaktion auf Stromnetzanforderungen.“
Also immer noch fossile Brennstoffe. Solarpanels sind mir bis jetzt noch gar keine begegnet, obwohl Südfrankreich von der Sonnenscheindauer begünstigt sein müsste. Frankreich hat sich mit dem Atomstrom eine zweite Hypothek aufgeladen. Meine Gastgeber:innen fahren zwei E-Autos, die sie jeweils am Abend und in der Nacht wieder aufladen. Vordergründig – weil nicht fossil – vorbildlich.
Schliesslich erreiche ich Martigues. Ich fahre in die Altstadt, wo ich mich an einen kleinen Hafen erinnere. Dort esse ich ein Eis und verfolge das Treiben eines Fischs, der sich an der Wasseroberfläche mit wilden Bewegungen bemerkbar macht.
Für die Rückfahrt muss ich die richtige Strasse bzw. Ausfahrt finden. Als dies geschafft ist, steige ich langsam aber stetig den Hügel hoch. Auf dem Kulminationspunkt steht ein Schild: Col de la Gatasse (122m). Keiner zu klein, um nicht ein Pass zu sein. Ich fahre durch das Hinterland der Küste, das wegen der Waldbrände immer noch sichtbar gezeichnet ist. Zwar sieht man kaum mehr verkohlte Bäume, aber die Vegetation ist karg und beschränkt sich auf Büsche. Dann ist Sausset erreicht und ich habe mein Tagwerk vollbracht (46 Km, 2‘21 h, 19,5 km/h, max. Geschwindigkeit 57 km/h). Mit den Fahrten, die ich jeweils nach Carry mache, komme ich in den sechs Wochen meiner Auszeit auf ein Total von ca. 350 Km.