Pensionierung Leben nach dem Film
13. Februar 2026
Ich bin im 2. Monat Pensionär. Das sage ich jeweils Freunden, denen ich begegne und die sich erkundigen, wie es mir geht. Im 2. Monat…schwanger, würden die Frauen sagen. Wenn sie es denn schon sagen würden. Schwanger gehen mit einer Idee – diese Aussage kenne ich aus meiner Zeit als Filmemacher. Wenn der Fokus meine Wahrnehmung der Welt beeinflusste und ich auf Dinge aufmerksam wurde, die zuvor von mir unbemerkt geblieben waren.
Im 2. Monat – ich formuliere das so, weil ich mir bewusst bleiben möchte, dass der neue Lebensabschnitt noch jung ist. Ich sage auch, ich sei ein Jungrentner. Hat sich denn überhaupt etwas für mich verändert? Fühlt sich mein Leben anders an?
Ja, ich kriege seit Anfang Januar die AHV-Rente. Als ich den Betrag erstmals auf meinem Kontoauszug entdeckte, faszinierte und erschreckte mich ein Gedanke gleichermassen: Dieser Betrag wird nun jeden Monat an mich überwiesen – bis zu meinem Tod. Faszination deshalb, weil es ohne eine Leistung geschieht, die ich dafür erbringen muss. Eine Sicherheit und Entlastung, nachdem ich Jahrzehnte lang nur selten ein sicheres Einkommen hatte. Erschrecken deshalb, weil die Zahlung lebenslang erfolgt, aber bereits auf mein Lebensende hinweist, dessen Zeitpunkt mir noch völlig unbekannt ist.
Neben der AHV-Rente wurde mir Ende des Monats erstmals die Rente der Pensionskasse überwiesen. Meine dritte Säule ist die Rente der Urheberrechtsgesellschaft Suissimage. Diese wird jeweils einmal im Jahr im September überwiesen. Als Kulturschaffender hatte ich kein festes Einkommen, die Lohnsummen variierten pro Jahr beträchtlich. Deshalb ist meine Altersvorsorge bescheidener als jene von Festangestellten, die ihr ganzes Leben für 100 Prozent Arbeit auch einen entsprechenden Lohn erhielten. Aber sie wird voraussichtlich reichen, um meinen bisherigen Lebensstandard weiterzuführen.
Mehr als meine finanzielle Absicherung hat mich in den letzten beiden Jahren die Frage beschäftigt, was mich ab dem Moment der Pensionierung noch kreativ inspirieren könnte. 35 Jahre lang war ich im Filmbereich tätig gewesen, als Autor, Regisseur und Produzent von Dokumentarfilmen. 8 Langfilme und mehrere kurze und mittellange Filme waren in jener Zeit entstanden (Link Filmographie). 2024 wurde klar, dass sich ein Filmprojekt nicht realisieren lassen würde, für das ich während 2 Jahren recherchiert hatte.
Da stellte ich mir erstmals die Frage, ob es für mich ein Leben nach dem Film geben könnte. Zuvor gab es diese Frage nicht, weil Film meine Existenz bedeutete. Ich konnte zwar damit nie meinen Lebensunterhalt zu 100 Prozent bestreiten und war immer auf Nebeneinkommen angewiesen. Aber nach jedem fertiggestellten Film war klar, dass ich an einem neuen Projekt zu arbeiten beginne. Ob es dann realisiert werden würde, war offen und hing vor allem von der Finanzierung ab. Es gab auch Projekte, die aus inhaltlichen Gründen scheiterten. Aber ich war finanziell darauf angewiesen, dass sich irgendwann ein neuer Film realisieren liesse. Und auch für meine Identität als Filmemacher war unvorstellbar, dass ich damit aufhören würde.
Nun, 63 Jahre alt, konnte ich mir erstmals ein Leben nach dem Film vorstellen. Ich blickte mit Befriedigung und Dankbarkeit zurück auf ein Werk, das entstanden war. Mir wurde wieder bewusst, mit welcher Hartnäckigkeit und welchem Durchhaltewillen ich meinen Weg verfolgt hatte. Und es wurde mir bewusst, wie wichtig gewisse Menschen gewesen waren, die mich unterstützt und herausgefordert hatten.
Dass ich mir ein Leben nach dem Film vorstellen konnte, hing auch damit zusammen, dass ich in jenem Moment mit keiner Idee schwanger war, von der ich das Gefühl hatte, dass daraus unbedingt noch ein Film entstehen müsste. Ein letzter Film, quasi als Vermächtnis. Ein Stoff, der in mir geruht hatte, bis er doch noch den Weg in die Öffentlichkeit finden musste. Auch jetzt, zwei Jahre nach diesen ersten Gedanken, hat sich daran nichts geändert.
Was sich geändert hat, ist, dass ich eine andere Möglichkeit fand, kreativ zu sein. Ein Leben nach dem Film war vorstellbar geworden, aber ein Leben ohne künstlerische Kreativität nicht. In jener Zeit war ein Freund von uns zu Besuch. Erwin ist Sänger und spielt Cembalo wie auch Orgel. Ich fragte ihn, ob er – neben der Barock- und Kirchenmusik, die er spielte - auch schon selbst komponiert habe. Er verneinte. Da kam mir in den Sinn, dass ich mal im Rahmen einer Weiterbildung in Komposition und Arrangement an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK) klassische Stücke komponiert hatte.
«Robert» ist ein Lied, das ich Robert Schumann widmete, für Stimme und Klavier (Link Robert). Für die Aufnahme konnte ich einen Sänger aus Wien gewinnen, der an der ZHDK studierte. Ich spielte Erwin die Aufnahme ab. Es berührte mich, die Aufnahme nach Jahren wieder einmal zu hören. Er äusserte sich anerkennend. Da tauchte plötzlich eine Idee in mir auf: Wie wäre es, wenn ich an dieser Weiterbildung, die vor über 10 Jahren stattgefunden hatte, wieder anknüpfen würde?
Dann ging alles relativ schnell. Ich recherchierte im Internet und stellte fest, dass die Hochschule für Musik in Luzern (HSLU) ebenfalls Weiterbildungen in Komposition anbietet. Unter den Dozierenden fand ich den Namen von Ed Partyka, der Leiter des Zurich Jazz Orchestra (ZJO). Beide kannte ich von Aufführungen im Jazzclub Moods in Zürich, wo ich von 2018 bis 2024 als Regisseur von Konzertaufzeichnungen gearbeitet hatte.
Ich bewarb mich an der HSLU für den Bereich Jazz und wurde aufgenommen. Am Ende des ersten Studienjahres wurde meine Komposition «Jump!» von der Bigband der Hochschule uraufgeführt (Link Jump!). Es war ein Höhepunkt für mich, nachdem ich während eines Jahres sehr viel dazugelernt hatte und fähig war, für ein Orchester mit 17 Musiker:innen zu schreiben. Die Rückmeldungen der Dozenten wie auch von Freund:innen, die die Uraufführung besuchten, bestätigten mich darin, mit der Weiterbildung fortzufahren.
Nun bin ich im 2. Jahr. Bereits letzten Herbst beschäftigte mich die Frage, ob und wie es danach weitergehen könnte. Ich besuchte im Rahmen eines Infotages zwei Veranstaltungen im Bereich Klassik. Eine davon bestritt Dieter Ammann, ein Schweizer Komponist, der mit seinen Werken internationales Renommée erlangt hat. Nach der Veranstaltung suchte ich das Gespräch mit ihm. Er bestätigte mir, dass er trotz anstehender Pensionierung weiterhin für Weiterbildungen zur Verfügung stehen würde. Vorausgesetzt, dass ich auch im Bereich Klassik die Voraussetzungen erfülle, werde ich mit der Weiterbildung im Herbst 2026 fortfahren.
Dass ich in der Musik eine frühere Form von Kreativität wiederbeleben konnte (Link Über mich), ist der Hauptgrund, dass ich mich im Moment sehr wohl fühle. Die Weiterbildung fordert mich heraus. Und sie schafft eine Struktur. Nicht nur in Form von Veranstaltungen und Einzellektionen, die ich besuche. Auch in Form von Deadlines, bis wann ich die Kompositionen erarbeitet, überarbeitet und fertiggestellt haben muss. Dieser Rahmen hilft mir und zwingt mich zur Disziplin.
Ich zweifle, ob ich ohne diese Struktur genug Selbstdisziplin hätte. Im Unterschied zu meinem früheren Berufsleben im Film muss ich damit kein Geld verdienen. Es ist einzig meine intrinsische Motivation, die ausschlaggebend ist, ob ich mich an die Arbeit mache oder nicht. Ich bin von Natur aus auch phlegmatisch. Ich muss mir Ziele setzen, damit ich mich bewege. Deshalb ist die Hochschule ein guter Rahmen für mich, kreativ zu bleiben, unterstützt durch Dozenten und junge Studierende, die ganz am Anfang ihrer beruflichen Karriere stehen.