Auszeit Luzern – Sisteron
5. April 2026
Heute Morgen bin ich um 6 Uhr mit dem Zug in Luzern losgefahren. Es ist der Start in meine 6-wöchige Auszeit. Ich nenne es „Auszeit“, weil ich meinen neuen Alltag als Pensionierter bewusst verändern und gestalten möchte.
Ich wollte für mein Velo einen Abstellplatz reservieren. Das sei nicht möglich, sagte mir der Schalterbeamte der SBB. Da Luzern der Startbahnhof und es noch früh am Morgen ist, habe ich jedoch kein Problem, einen dafür vorgesehenen Haken zu finden, wo man das Velo aufhängen kann.
Die Abfahrt verzögert sich um einige Minuten. Kathrin hat mich zum Bahnhof begleitet und scherzt, vielleicht habe sich ja der Lokomotivführer verspätet. Tatsächlich heisst es dann nach der Abfahrt bei der Durchsage „Änderung beim Personaleinsatz“.
In Genf beim Umsteigen in den TER braucht es schon mehr Glück, um einen Abstellplatz zu finden. Von 6 Plätzen sind bereits 5 durch eine Familie besetzt. Ich bin noch rechtzeitig dort. Andere Velofahrer:innen haben weniger Glück. Der Zug ist schon gut besetzt. In Bellegarde steigen weitere Menschen zu. Inzwischen stehen und sitzen einige in den Gängen, weil alle Sitzplätze besetzt sind.
Die Stimmung ist ruhig. Die drei Mitfahrenden in meinem Abteil dösen vor sich hin. Der Blick aus dem Fenster zeigt ein Tal, das wie eine Klus zwischen Kalkbergen mit ihren typischen Wänden bzw. Abbrüchen (wir nennen sie Fluh) angelegt ist, vom Fluss während der Alpenfaltung in stetiger Erosion in den Stein gegraben.
Halt in Tenay Hauteville. Ein Kamerateam steht auf dem gegenüberliegenden Perron. Es wird nicht klar, weshalb und was sie filmen. Die Landschaft ist stark bewaldet. Erst einzelne Bäume haben zu blühen begonnen. Diese Woche sind Temperaturen über 20 Grad angesagt. Das wird der Vegetation einen zusätzlichen Schub geben.
In Lyon habe ich eine knappe Stunde Aufenthalt. Ich kaufe mir ein Sandwich und setze mich in den Park vor dem Bahnhof. Die Bänke sind bevorzugte Liegeplätze von Randständigen. Die Sitzfläche ist durchgebogen, die Konstruktion wacklig. Wenn sich der Nachbar, ein arabisch sprechender Mann, der gerade am Telefonieren ist, hin und her bewegt, spüre ich das gleich. Prompt kommt eine Frau mit einem Mädchen auf mich zu und bittet um Geld für eine Unterkunft. Ich krame 3 Euro aus dem Portemonnaie. Das ist ihr zu wenig, aber sie bedankt sich doch.
Ich werde nochmal in Marseille umsteigen, um schliesslich kurz vor 7 Uhr abends in Sisteron anzukommen. Es wird ein Wiedersehen mit einem Ort sein, an dem ich schon mal mit dem Velo los gefahren bin. Es war 1994, ebenfalls Anfang April. Mit Ruedi, einem langjährigen Freund aus Basel, war ich mit dem Zug über Genf und Grenoble nach Sisteron gefahren.
Nach Grenoble führte die Eisenbahnlinie über den Col de la Croix Haute auf 1000 Meter Höhe. Es schneite und wir waren etwas besorgt, ob und unter welchen Bedingungen wir am nächsten Tag Velo fahren würden. In Veynes mussten wir umsteigen. Dort hat mich Ruedi im Bahnhofbuffet fotografiert. Damals rauchte ich wenig aber regelmässig, und es war noch selbstverständlich, dass man in Innenräumen rauchte. Mit dem Ellbogen auf dem Tresen abgestützt, stehe ich entspannt an der Bar, mit einem Schmunzeln im Gesicht. Vielleicht war es ein Wortwechsel, der mich erheitert hatte.
Wenn ich heute das Foto betrachte, fallen mir Dinge auf, die ich damals getragen habe: Die getönte Brille mit sehr farbigem Gestell. Das grüne Fliess unter der Regenjacke mit einem sehr farbigen Kragen. Das weisse T-Shirt, das unter dem Hemd hervorlugt. Ich wirke jünger als die 33 Jahre, die ich damals hatte. Jugendlich, unverbraucht, zuversichtlich. (Annelies, der Partnerin von Ruedi, fallen jedoch interessanterweise erste Anzeichen von Grossratsecken auf…).
Damals arbeitete ich noch in einem kleinen Pensum beim Fernsehen, aber mein Interesse lag auf einem Dokumentarfilm über Strafentlassene, an dessen Entwicklung ich war. Ich wohnte in einer Wohngemeinschaft im Zentrum der Stadt Zürich. In einem Alter, in dem andere Familien gründen, war ich froh um die Freiheit in meinem Lebensentwurf, die ich mir zwei Jahre zuvor selber hatte abringen müssen. Ich kündigte beim Fernsehen eine sichere und gut bezahlte Stelle und wurde als Musiker Teil des Zürcher Tanztheater-Ensembles „Lenas“. Eine anregende und kreative Zeit der Suche nach einem eigenen künstlerischen Weg.
Zurück nach Sisteron. Als Ruedi und ich 1994 am Bahnhof ankamen, führte uns der Stationsbeamte zu einem Schuppen, wo wir unsere Velos wiederfanden, die wir Tage zuvor bei den SBB aufgegeben hatten. Ein Service, den es so heute leider nicht mehr gibt. Tatsächlich lag auf der über dem Dorf angelegten Festungsmauer noch Schnee, auf der wir einen Spaziergang machten. Am nächsten Morgen starteten wir bei tiefen Temperaturen mit langen Hosen und Handschuhen in die erste Etappe.
Nachtrag: Es war wunderbar, wieder in Sisteron anzukommen. Ich stieg aus dem Zug aus, und das Erste, was mir auffiel, war der Duft der Luft. Mediterran. Vielleicht sind es Pflanzen, die blühen. Ich erinnere mich an eine Velotour im Herbst, als ich mich mit einem Freund, kräftig unterstützt durch den Mistral, Montélimar näherte. Da war auch plötzlich diese Luftveränderung. Ich glaube, dort waren es Pinien, die so stark dufteten.
Auch das Licht war wunderbar. Die Zitadelle über dem Dorf in der Abendsonne. Und da war vor allem dieser Felsen, der für mich so typisch für Sisteron ist. Davor die Brücke über die Durance. Der Felsen ist Teil einer geologischen Falte, die zum Fluss runter stürzt und auf der Gegenseite zum Kastell hoch steigt. Nach meinem Verständnis auch wieder eine Klus, wo sich der Fluss während der Alpenfaltung stetig sein Bett quer zur Falte gegraben hat.
Im Restaurant wählte ich das Menu de Pâques: gemischter Salat als Vorspeise, Gigot d‘Agneau als Hauptgang. Währenddessen fuhr immer mal wieder einer der Angestellten mit dem Dessertwagen an mir vorbei: eine Auswahl von Kuchen, die mein Herz sofort erwärmte. Ruedi ist bekannt für seine Vorliebe für Kuchen. Er meinte: „Einfach den Wagen rechtzeitig stoppen. Unglaublich, dass es die Tradition des Dessertwagens noch gibt (bei uns spätestens in den Achtzigerjahren ausgestorben).“
Bevor ich im Grand Hôtel du Cours (3 Sterne) zu Bett ging, machte ich noch ein letztes Bild der Zitadelle. Merci Sisteron - c‘est un excellent début de mon séjour en France!