Mein Vater Besuch an der Gewerbeschule Muttenz

Mein Vater und ich im Restaurant der Seniorenresidenz "Sonnenhof"

05. Juni 2025

Ich war zu Besuch bei meinem Vater in Pratteln bei Basel. Er lebt dort in einer Alterswohnung, die Teil der Seniorenresidenz „Sonnenhof“ ist. Nach dem Mittagessen im Restaurant der Residenz fragte ich ihn, ob er Lust auf eine Ausfahrt hätte. Er bejahte. Ich hatte in der App der Firma Mobility, bei der ich seit mehreren Jahren Mitglied bin, nachgeschaut, ob die beiden Mietautos in Pratteln zur Verfügung stehen. Sie waren besetzt. In der Nachbargemeinde Muttenz gab es jedoch freie Fahrzeuge – eines direkt beim Bahnhof.

Wir nahmen die S-Bahn und stiegen beim Bahnhof Muttenz aus. In dieser Gemeinde hatten wir von 1968 bis 1974 als Familie gelebt. An der Gartenstr. 13 bewohnten wir eine 41/2-Zimmerwohnung. Nach Muttenz waren wir gekommen, weil meinem Vater eine Stelle als Lehrer an der Gewerbeschule Muttenz angeboten worden war.

Wir sassen im Auto und ich fragte ihn, ob wir einen Besuch an der Gewerbeschule machen wollen. Mir war bewusst geworden, dass er im Januar 1995, vor 30 Jahren, in die Frühpension gegangen war. Er willigte ein. Wir fuhren an der Fachhochschule der Nordwestschweiz FHNW vorbei – ein Neubau, der nach seiner Pensionierung entstanden war. Das ehemalige Technikum war nicht mehr wieder zu erkennen. Reduziert auf die tragenden Stützen, ausgekernt, stand es wie eine Bauruine da. Daneben immer noch die Gewerbeschule, die nun Berufsbildungszentrum Baselland heisst – ein Beton-Bau aus den 60er-Jahren. Wir fahren auf den Parkplatz und steigen aus. Eine Treppe führt zum Eingang hoch. Unüberwindbar für meinen Vater, der sich nur noch mit dem Rollator fortbewegen kann. Seitlich an der Wand befindet sich eine Installation, um Rollstühle hochzuhiefen.

Ich erkundige mich auf dem Sekretariat, ob jemand die Installation bedienen könne. Nach einigem Warten begrüsst mich ein Lehrer, der einräumt, die Installation sei nicht mehr in Betrieb. Aber er zeige uns den Weg via Lieferanteneingang. Während wir die Rampe ins Untergeschoss runtergehen, erzählt Rolf Zumbrunn, er habe 1995 an der Schule zu unterrichten begonnen. Er ist meinem Vater nicht mehr persönlich begegnet, aber dessen Name ist ihm bekannt.

Im Untergeschoss nehmen wir den Lift und fahren hoch in den dritten Stock. Dort befindet sich das Zimmer, in dem mein Vater 25 Jahre lang Lehrlinge in Allgemeinbildung unterrichtete. Gärtner, Bäcker, Maurer. Als Gymnasiast war mir schon bewusst geworden, wie viel lebensnaher diese Jugendlichen ausgebildet wurden. Am Schluss hatten sie eine Ahnung von Buchhaltung, Erb- und Familienrecht, Staats- und Wirtschaftskunde. Während wir – wenigstens das – einmal das Kantonsparlament in Liestal besuchten.

Rolf Zumbrunn sagt mit Stolz, der allgemeinbildende Unterricht decke 24 Stunden des Tages ab, der Fachunterricht nur 8 Stunden. Ein Argument, das wohl den Jugendlichen die Sinnhaftigkeit jenes Unterrichts deutlich machen soll. Ich erinnere mich, wie mein Vater hie und da geklagt hatte, er hätte gegenüber den Fachlehrern einen schweren Stand, da die Jugendlichen vor allem am Fachunterricht interessiert seien.

Aber wo im 3. Stock befindet sich sein ehemaliges Zimmer? Ich erinnere mich, dass ich als Junge mal beim Vater in der Schule zu Besuch war. Ich meine, es sei ein Eckzimmer, nach Süden ausgerichtet, gewesen. Nun stellt sich heraus, dass dieses Eckzimmer damals das sogenannte „Druckerzimmer“ war, wo die Lehrer die neuen Kopiermaschinen (Xerox) benutzen konnten.

Rolf Zumbrunn steuert auf ein anderes Zimmer zu. Es ist besetzt mit einer Schulklasse. Er öffnet die Tür zum Nebenraum, schmaler Gang, mit Materialkästen auf der einen Seite, vorne am Fenster ein Tisch, wo sich der Lehrer auf den Unterricht vorbereiten kann, bevor er die Tür zum Schulzimmer öffnet und vor die Klasse tritt.

Später ist die Tür zum Schulzimmer offen, die Schulstunde ist vorbei, die Lehrerin sitzt noch am Tisch. Wir treten ein, begrüssen sie und blicken uns im Zimmer um. Mein Vater zeigt keine besondere Reaktion. Was geht in ihm vor? Welche Gefühle kommen hoch?

Mein Vater im Schulzimmer des Berufsbildungszentrums Baselland in Muttenz

Es war damals eine strenge Zeit für ihn. Die Jugendlichen Anfang der 70er-Jahre trugen lange Haare, rebellierten. Die Disziplin im Schulzimmer liess sich nicht mehr mit autoritären Massnahmen aufrecht erhalten, wie sie mein Vater noch in den 60er-Jahren angewendet hatte. Ein Beispiel hatte er damals selber erzählt, mit einem verlegenen Schmunzeln im Gesicht: Ein Schüler sei mit einer roten Hose bekleidet im Unterricht erschienen. Er habe ihn nach Hause geschickt mit der Aufforderung, eine andere Hose anzuziehen.

Mein Vater löste das disziplinarische Problem, indem er die Jugendlichen beschäftigte. Mit Schreibaufgaben, die ihm viel Korrekturarbeiten verschafften. Stundenlang sass er zuhause bis in die Nacht über den Aufsätzen und Übungen seiner Schüler. Und um 7 Uhr morgens musste er schon wieder im Klassenzimmer stehen.

Eindrücklich für mich ist, wie mein Vater sich im Gespräch mit Rolf Zumbrunn an einzelne Lehrerkollegen erinnert, sobald dieser deren Namen nennt. Er weiss noch, wo sie ihre Schulzimmer und in welcher Gemeinde sie gewohnt hatten. Einige hatten nach seiner Pensionierung noch weiter unterrichtet. Die meisten sind inzwischen tot. Er ist mit seinen 90 Jahren einer der wenigen jener Generation, die noch leben.

Rolf Zumbrunn begleitet uns zurück ins Untergeschoss, wo wir uns vor der Rampe von ihm verabschieden. Das Berufsbildungszentrum wird 2028 in das Gebäude des ehemaligen Technikums ziehen. Die Gewerbeschule, in der mein Vater 25 Jahre seines Lebens unterrichtet hatte, wird wohl abgerissen werden.