Sonntagsausflug Von Nice nach Antibes oder von Marathon bis Puder
19. April 2026
Zwei Wochen ist es her, dass ich in meine Auszeit aufgebrochen bin. Seit der Ankunft in Nizza habe ich das Velo nicht mehr angerührt. Das wollte ich heute ändern.
Bereits in der Wohnung hörte ich eine euphorische Lautsprecherstimme, die bei Sportanlässen für das breite Publikum üblich ist. Und ich erinnerte mich gelesen zu haben, dass heute der Halbmarathon von Nizza stattfindet. Dafür wird ein grosser Teil der Promenade des Anglais für den Autoverkehr gesperrt.
Offenbar entspricht das Jogging eher den Prioritäten und Werten des neuen Stadtpräsidenten. Zumindest hat er diesen Anlass nicht abgesagt wie das internationale Pétanque-Turnier. Der Aufwand ist zwar für die Stadt deutlich höher. Aber es nehmen auch deutlich mehr Menschen am Halbmarathon teil: die Veranstalter melden über 10’000 Teilnehmer:innen. Bei einem grossen Pétanque-Turnier sind es ein paar hundert Spieler:innen. Diese sind also eine „quantité négligable“. Die Politiker:innen der Rechten, aber nicht nur sie, schielen auf die Mehrheiten.
Zudem kann ich mir vorstellen, dass für Éric Ciotti Pétanque zuviel Spiel und zu wenig Anstrengung bedeutet. Ein Bild, das er mit vielen Menschen teilt, die beim Vorbeigehen stehen bleiben und kurz das Spiel verfolgen. Alte Männer (und Frauen), die Kugeln werfen und sie wieder auflesen. Dass ein solches Spiel über mehrere Stunden physisch und und mental anstrengend ist, vermittelt sich nicht einfach so.
Aber ich wollte ja vom Halbmarathon erzählen, der in vollem Gange war, als ich mit dem Velo die Promenade erreichte. Die Bilder sind mir sehr vertraut - von eigenen Läufen, die ich vor 20 Jahren bestritten habe. Dieser Lauf startete um 8 Uhr, bereits kamen die ersten Startnummern ins Ziel. Der Veloweg konnte befahren werden. So fuhr ich in der Gegenrichtung los.
Vereinzelt liegen Läufer:innen entkräftet am Strassenrand und müssen von Sanitätspersonal betreut werden. Das tut mir leid für die Läufer:innen. Andererseits vermute ich, dass sie sich zu wenig vorbereitet und überschätzt haben. Eine Schattenseite des Breitensports ist das weit verbreitete Doping. Wie sollte es auch anders sein. Wir sind es gewohnt, unser Aussehen und unsere Leistung zu optimieren.
Ich fand es selbst immer viel spannender zu erleben, zu was für einer Leistung ich aus eigenen Kräften und mit mehr od. weniger Vorbereitung fähig bin. Heute nehme ich mir eine vergleichsweise leichte Aufgabe vor: Fahrt nach Antibes, dem Meer entlang und wieder zurück. Kaum Höhenunterschied, leichter Gegenwind bei der Rückfahrt. Meist kann ich auf einem von der Strasse separierten Velostreifen fahren. In Cagnes-sur-Mer findet jedoch ebenfalls eine Veranstaltung auf der Promenade statt, so dass der Verkehr umgeleitet wird.
Schon von Weitem sehe ich die speziellen Hochhäuser von Villeneuve-Loubet. Die Siedlung am Meer nennt sich „Marina Baie des Anges“. Ein Resort, eine Welt für sich. Die Architektur der Hochhäuser fasziniert mich: geschwungene Linien, Terrassen, ein Komplex von mehreren Bauten, rund um den Hafen angelegt. Gebaut vom Architekten André Minangoy (1905–1985). Auf Wikipedia lese ich:
„Während der Komplex zum Baubeginn 1969 noch sehr umstritten war, da es u. a. weitläufig die Sicht auf das Meer versperrt, wandelte sich die öffentliche Meinung bis zum Abschluss der Arbeiten 1993 so weit, dass die Gebäude als Wahrzeichen der Gegend angesehen werden.“
Ich erinnere mich, um die Jahrtausendwende einmal kurz die Siedlung La Grande-Motte in der Camargue besucht zu haben. Auch diese entstand in den 60er-Jahren als Touristenstadt aus der Retorte. Villeneuve ist zweifellos davon inspiriert, zum Glück vergleichsweise klein und deshalb für mich auch ansprechender ausgefallen.
Von Antibes kann ich nicht viel berichten. Ich spaziere durch die Altstadt, die schöne Plätze hat, aber mit ihren Restaurants und Läden sehr auf die Tourist:innen ausgerichtet ist. Im Hafen dominieren die Luxusjachten. Nach dem Picknick mache ich mich auf den Rückweg.
In Nizza ein zweites Mal auf der Promenade einfahrend, sehe ich noch die letzten entkräfteten Gestalten, die sich Richtung Ziel des Halbmarathons kämpfen. Später setze ich mich an den Strand. Es ist kein Sand-, sondern ein Stein- bzw. Kieselstrand. Die Steine haben eine Staubschicht, die sich sofort auf meine Füsse überträgt wie ein Puder. Da kommt mir der ehemalige, inzwischen verstorbene Chefredaktor des Zürcher Tages-Anzeigers und des Schweizer Fernsehens Peter Studer in den Sinn, dessen Übername „Steter Puder“ war. Ich dachte immer, der Name sei von ihm untergebenen Angestellten geprägt worden. Bis ich kürzlich las, es sei Max Frisch, von dem der Übername stamme.
Etwas vor mir, näher zum Meer, sitzt eine Familie. Das Bild gefällt mir. Es ist wie ein Stilleben. Bis sich eine Frau dazugesellt. Sie wirkt mit Kleid und Hut wie aus einer anderen, vergangenen Welt.
Nachtrag zur vergangenen Welt des 2. Weltkrieges: Ich habe im Buch von Götz Aly „Wie konnte das geschehen?“ weitergelesen. In der Nähe der Wohnung bin ich gestern auf der Strasse wieder an einer kleinen, unscheinbaren Ausstellung vorbeigegangen, bis ich stehenbleibe, innehalte und zu lesen beginne. Die Ausstellung handelt von Jean Moulin, eine zentrale Figur des französischen Widerstandes gegen Hitler-Deutschland. Bis er von Klaus Barbie, dem Chef der Gestapo von Lyon, anlässlich einer geheimen Sitzung der Résistance in der Nähe von Lyon verhaftet wurde. Trotz schwerster Folter, verübt von Barbie selbst, soll er seine Mitkämpfer:innen nicht verraten haben und starb an den Folgen. Bei Aly ist es sehr interessant zu lesen, wie Hitler es schaffte, gerade die junge Generation – zu der Barbie, Jahrgang 1913, gehörte – mit Aufstiegsversprechen für sein Projekt eines nationalen und sozialen Deutschlands zu gewinnen.