Auf dem Balkon Begebenheiten in der Nachbarschaft
19. April 2026
Ich sitze auf dem Balkon der Wohnung und genehmige mir einen Apéro. Der Balkon geht auf die Rue Maccarani. Im Nachbarhaus, ein Stock tiefer, hat der Wohnungsmieter od. Eigentümer eine Fahnenstange montiert. An dieser hängt eine blau-schwarze Fahne. Darauf ist in weissen Lettern aufgedruckt: Atalanta Bergamo. Ein Fussballverein der italienischen Fussballliga Serie A. Gestern hat Atalanta auswärts gegen die AS Roma ein 1:1 erreicht und befindet sich in der Tabelle auf Rang 7.
Die Bestimmung einer Fahne ist es, dass sie hängen soll, so dass sich das dargestellte Bild vollständig entfalten kann. Der Wind ist der Fahne grösster Feind. Das wissen zuallererst die Urner:innen, denen der Föhn die Fahnen zerreisst. Das könnte hier der Mistral genau so tun. Aber im Moment ist es eher eine Brise vom Meer, welche die Fahne aufwirbelt und um die Fahnenstange herumzwirbelt.
Das ist ein Problem für den Eigentümer und erklärten Fan von Atalanta Bergamo. Nicht nur ist der Verein bereits deutlich abgeschlagen und hat kaum noch Chancen auf die vordersten Plätze, die für die europäischen Wettbewerbe qualifizieren. Auch muss er praktisch täglich die Fahne entwirren, damit sie wieder schön von der Stange fällt. Eine Sisiphus-Arbeit, die er aber unermüdlich und ohne Klagen auf sich nimmt. Bei dieser Gelegenheit gibt er einer Topfpflanze etwas Wasser. Den Stuhl nutzt er kaum. Seit ich hier wohne und beobachte, hat er sich nur einmal draufgesetzt und telefoniert. Ob in der Wohnung eine Frau mit ihm zusammenlebt, weiss ich nicht. Sie hat sich bisher nicht zu erkennen gegeben.
Auf der gegenüberliegenden Strassenseite befindet sich ein Hotel. Die Loggias zeigen täglich neue Gäste. Einige winken, wenn ich auf den Balkon trete. Von Balkon zu Balkon. Die gemeinsame Situation scheint eine gewisse Vertrautheit zu schaffen. Demgegenüber bin ich bisher in meinem Haus noch keinen Bewohner:innen begegnet. Ich höre nur täglich jemanden Klavier spielen. Und gestern hat ein Mann im Gang, gleich gegenüber meiner Wohnung, mit Worten gestikuliert. Etwas muss vorgefallen sein, der Tonfall war untrüglich.
Vor dem Hotel steht eine grössere Reisegruppe auf dem Trottoir und wartet. Der Reiseleiter verteilt Karten. Ich nehme an, es sind die Batches für die Zimmer. Seiner Sprache nach vermute ich, dass die Gruppe aus Spanien kommt. Die Zeit verstreicht. Der Reiseleiter geht die Strasse auf und ab. Ich wundere mich, dass er nicht mit seinem Handy telefoniert, um der Verspätung des Reisebusses auf den Grund zu gehen. Da taucht an der Strassenecke der gesuchte Busfahrer auf. Die beiden gestikulieren mit den Händen. Entweder hat der Chauffeur ein Problem mit der Zufahrt zum Hotel oder es handelt sich um ein Missverständnis.
In der Zwischenzeit haben sich in der wartenden Reisgruppe kleinere Untergruppen gebildet, die miteinander im Gespräch sind. Die Menschen wirken geduldig. Nur ein Mann verwirft einmal die Hände und klopft mit ihnen unwirsch auf seine Schenkel. Der Reiseleiter scheint von der Situation ebenfalls etwas überfordert. Er tigert hin und her. Bis schliesslich der Bus um die Ecke kommt.
Es ist ein langer schmaler Bus. Weil auch die Strasse schmal ist und Autos an deren Rand parkiert sind, kann der Chauffeur nur langsam vorwärtsfahren, um nicht einen Rückspiegel mitzunehmen. Vor dem Hotel hat es eine Parkfläche für Busse. Ungeschickterweise ist an deren Ende ein Auto parkiert, so dass der Bus nicht reinparkieren kann, sondern auf der Strasse anhalten muss.
Nun beginnt die Gepäckausgabe. Der Chauffeur öffnet seitlich die Klappen, so dass die Gäste ihre Koffern und Taschen behändigen können. Das braucht Zeit. Inzwischen hat sich hinter dem Bus eine Kolonne wartender Autos gebildet. Überraschenderweise hupt niemand. Vielleicht liegt es daran, dass heute Sonntag ist.
Inzwischen haben alle Gäste ihre Koffer rausgezerrt und sind im Hotel verschwunden. Nun ist aber der Chauffeur noch in ein klärendes Gespräch mit dem Reiseleiter vertieft. Jener hantiert mit seinem Handy. Er hält es mehrmals nah vor sein Gesicht. Vielleicht stimmt etwas nicht mit seiner Face-ID, so dass er eine Nachricht des Reiseleiters nicht hatte lesen können. Es muss ein technisches Problem gewesen sein, dass sich der Bus derart verspätet hat.
Ich werde ganz kribblig, wenn ich sehe, wie lange die Autos hinter dem Bus bereits auf die Weiterfahrt warten. Tatsächlich beginnen die ersten Automobilisten zu hupen. Nun beeilt sich der Buschauffeur, endlich die Gepäckklappen zu schliessen und seine Fahrt fortzusetzen. Langsam kommt Bewegung in die Autokolonne. Niemand hat die Windschutzscheiben runtergelassen und lässt seinem Ärger freien Lauf. Die ganze Angelegenheit hat sich in Minne aufgelöst. Der Reiseleiter tritt nun als Letzter der Reisegruppe mit seinem Gepäck in das Hotelfoyer, nachdem er dem Bus noch nachgeschaut hat.