Auf dem Balkon II Die Dachdecker

21. April 2026

Auf dem Dach des Hotels gegenüber tut sich was. Bereits letzte Woche haben Kathrin und ich verfolgt, wie Gerüstbauer am Werk waren. Nun sind die Dachdecker dran.

Was mich verwundert, ist, dass nicht das ganze Haus eingerüstet wurde. Ich verfolge mit zunehmender Anspannung, wie die Arbeiter eine Hilfskonstruktion aus Holzlatten bauen, die sie in den Dachkänel stellen. Keine Sicherung nirgends. Ein falscher Tritt oder eine Unachtsamkeit: undenkbar. Auch Material könnte ihnen aus der Hand fallen und würde ungebremst auf Strasse oder Trottoir fallen.

Beatrice, unserer Freundin, in deren Wohnung ich grosszügigerweise hausen darf, ist auch schon ein Messer vom Balkon gefallen. Undenkbar, welche Verletzungen nur schon ein Messer auf dem Kopf eines Menschen anrichten kann. Deshalb hat sie mich gebeten, jeweils ein Tuch an das Geländer zu spannen.

Ich bin fasziniert, wie bedachtsam und trotzdem entspannt die Arbeiter ihr Werk verrichten. Aber ich frage mich schon, ob dies gängigen Sicherheitsvorschriften entspricht. Da fuchtelt prompt einer der Arbeiter mit dem Zeigefinger zu mir rüber und ruft: „Pas de fotos“.

In diesem Zusammenhang finden sowohl meine Partnerin Kathrin wie auch mein Freund Ruedi, dass Fotografieren von Menschen ohne deren Zustimmung nicht erlaubt sei. Komme hinzu, dass ich die Bilder ja sogar auf meiner Webseite publiziere.

Sie haben recht. Das war für mich als Filmemacher auch selbstverständlich. Du willst keine Klagen riskieren, die allenfalls sogar die Vorführung Deines Werks verhindern könnten. Zudem musst Du gegenüber Geldgeber und Koproduzenten garantieren, dass Du über alle Rechte verfügst.

Nun bin ich privat unterwegs. Mit der Webseite verdiene ich kein Geld. Der Kreis der Leser:innen ist sehr überschaubar. Ich erlaube mir, Menschen und Menschengruppen aus Distanz zu zeigen. Sobald ich Menschen einzeln, im Porträt und deutlich erkennbar zeigen möchte, würde ich sie um ihre Zustimmung bitten.

Nachdem der Arbeiter mich aufgefordert hat, das Fotografieren zu beenden, habe ich das iPhone auch weggelegt. Trotzdem erlaube ich mir nun, zur Veranschaulichung dessen, was ich in meinem Text beschrieben habe, einzelne Fotos zu zeigen.

Nachtrag: Die spanische Reisegruppe machte gestern Morgen eine erste Stadtbesichtigung. Ich sah sie zufällig, wie sie das Hotel verliessen und die Strasse Richtung Meer runter gingen. Der Reiseleiter war in gewohnter Manier etwas hastig in seinen Bewegungen. Er begann zu einzelnen Mitgliedern der Reisegruppe zu sprechen, bis er bemerkte, dass er den Mikrofonbügel um den Kopf hängen müsste, damit ihn alle verstehen. Da ihm das zu kompliziert war, hielt er das Mikrofon einfach vor den Mund. Über seiner linken Schuler hing ein Rucksack, mit der rechten Hand zog er einen kleinen Koffer hinterher.

Während die Reisegruppe die Strasse runter ging, zog sie sich mehr und mehr in die Länge. Es würde mich nicht verwundern, wenn einzelne Mitglieder im Verlauf des Tages den Kontakt zur Gruppe verlieren. Kein einfacher Job für den Reiseleiter. Vielleicht wirkt er auch deshalb etwas mürrisch. Er muss das Ganze im Auge haben, was bei einer Gruppe von über zwanzig Personen in einer belebten Stadt schwierig ist. Zudem ist die individuelle soziale Kompetenz der Gruppenmitglieder unterschiedlich ausgeprägt. Die einen achten auf die Signale des Reiseleiters, andere sind von Gesprächen oder eigenen Beobachtungen abgelenkt. Umso wichtiger ist es, dass der Reiseleiter klar kommuniziert und führt. Da habe ich gewisse Zweifel nach meinen bisherigen Beobachtungen.