Simi Leidenschaft Skispringen

19. Dezember 2025

Ich besuche das Weltcup-Skispringen in Engelberg. Es ist wegen Simi. Ich bin Fan von Simon Ammann, wie ich es von keinem andern Sportler bin.

Es war Februar 2002. Olympische Spiele in Salt Lake City. Simi war bis zu diesem Zeitpunkt ein durchschnittlicher Skispringer und hatte noch für keine Spitzenresultate gesorgt. Von der Ausstrahlung her ein verschmitzter Junge, erst 20 Jahre alt.

An der Vierschanzentournee zuvor hatte der Deutsche Sven Hannawald dominiert und alle vier Springen gewonnen. Simi war als bester Schweizer auf dem 6. Platz gelandet und hatte für ein erstes Ausrufezeichen gesorgt.

In Salt Lake City war Hannawald der haushohe Favorit. Aber es geschah etwas Ausserordentliches: Simi gewann sowohl die Goldmedaille auf der kleinen wie auch der grossen Schanze. Unvergessen seine kindliche Freude. In der Schweizer Mannschaftsuniform, einem silbernen, gross geschnittenen Mantel, sah er wie ein Ausserirdischer aus.

Legendär sein Auftritt in der Late Night Show von David Letterman. Von ihm gefragt, ob er einen Sprung von der Schanze wagen solle, beschied ihm der Youngster frech und in perfektem Englisch, das solle er besser sein lassen.

Die Jahre darauf konnte Simi die Goldmedaillen nur teilweise bestätigen. Und an den nächsten Olympischen Spielen 2006 in Turin landete er in beiden Wettbewerben auf den hinteren Rängen. Auch ich dachte, Salt Lake City bleibe ein zufälliger, glücklicher Ausreisser nach oben. Dank jugendlicher Unbeschwertheit gelungen. Nun, da es um die Bestätigung von Erwartungen ging, wurde alles viel komplizierter.

Zurück in Engelberg. Ich will die Springer von nahe sehen, wie sie durch die Luft fliegen. Dafür muss ich in den Bereich links vom Landehang, auf die Höhe des K-Punkts. Ein Bereich, in den nur Helfer, die die Schanze präparieren, und Medienschaffende zugelassen werden.

Ich bin zwar schon lange nicht mehr praktizierender Journalist, aber immer noch Mitglied einer Journalistengewerkschaft, der ich jährlich meinen Beitrag entrichte und dafür auf meinem Ausweis eine BR-Marke aufkleben kann. BR für Berufsregister.

Diesen Ausweis zeige ich der Frau im Mediencenter, die für Akkreditierungen zuständig ist. Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich nicht im Auftrag einer Redaktion hier bin, und fülle das Formular aus. Bald habe ich den Bändel um den Hals mit der Karte, die mir freien Eintritt gewährt.

Damit stapfe ich an den Ordnungskräften vorbei und den Hang hoch, bis ich bei den Helfern auf der Höhe des K-Punkts angelangt bin. K-Punkt bedeutete ursprünglich „kritischer Punkt“ und definierte den Bereich, in dem sicher gelandet werden konnte. Heute dient er als Basis für die Weitenberechnung in der Punktewertung.

Die Helfer sind noch mit den letzten Ausbesserungen des Landebereichs beschäftigt. Kleine Tannenzweige werden in Bohrlöcher gesteckt. Sie dienen der Orientierung der Springer. Wie auch die rote K-Linie, die nun von einem Helfer mit Spritzpistole nachgezogen wird. Er trägt Steigeisen. Der Hang ist so steil, dass er selbst mit Bergschuhen ausrutschen würde.

Damals in den 2000er-Jahren hatte mich das Fieber gepackt. Ich wollte selber ins Fliegen kommen. Ende 40, lebte ich in Uster und wusste, dass es im Zürcher Oberland Skisprungschanzen gab. Ich erkundigte mich beim Skiclub, ob ich an einem Training teilnehmen könnte.

Eines Abends fuhr ich mit der Bahn nach Gibswil im oberen Tösstal. Dabei meine Alpinski und die Skischuhe. Die hatte mir der Übungsleiter für den Anfang empfohlen. Ich fand mich unter Jugendlichen wieder, die ihre ersten Sprünge machten. Dafür war eine Übungsschanze gebaut worden, auf der man mit kurzem und flachen Anlauf erste Hüpfer machen konnte. Ein Paar Meter weit. Meist landete man noch auf dem Hügel vor dem steilen Abhang. Mit den Alpinski fuhr ich dann ohne Probleme runter, schulterte die Ski und stapfte wieder hoch.

Einmal ging ein Junge von vielleicht 8 Jahren mit mir hoch. Er blickte zu mir auf und meinte, für Olympia würde es wohl nicht mehr reichen. Diese Aussage sorgte in meinem Freundeskreis und bei meiner Partnerin für Gelächter. Tatsächlich hatte ich mich gefragt, wie lange ich wohl brauchte, bis mir ein grösserer Sprung gelingen würde.

Zuerst aber wollte ich mich mit den echten Skisprungskis versuchen. Das Problem: im Unterschied zu den Alpinskis hat man nicht fest in einer Bindung Halt, das Gefühl ist eher mit Langlaufskis zu vergleichen. Zudem haben die Skis keine Kanten. Das macht das Bremsen im Auslauf schwierig.

Der Trainer bedeutete mir, ich müsse beim Absprung aus der Hocke aufspringen. Wichtig sei der richtige Zeitpunkt, sonst würde die ganze Energie verpuffen. Schliesslich gelang mir ein ordentlicher Sprung, knapp über den Hügel in den Anfang des Steilhangs. Ich sprang etwa 12 bis 15 Meter weit.

Was meine Freude trübte, war ein Sturz im Auslauf. Ein befreundeter Kameramann, den ich gebeten hatte, ein paar Videoaufnahmen zu machen, filmte, wie ich im Auslauf das Gleichgewicht verlor und auf meiner rechten Seite aufprallte. Die Rippen taten mir weh. Ich musste zum Arzt. Damit war meine Karriere als hoffnungsvoller Spätstarter beendet.

Stattdessen stürmte Simi zu neuen Erfolgen. Nach der Enttäuschung von Turin hatte er sich Einiges für Vancouver vorgenommen. Und er schaffte die Sensation: er wurde 2010 wieder Doppel-Olympiasieger.

Simon Ammann im Anflug (links oben)

Zurück in Engelberg. Der erste Durchgang kann starten. Simi springt 133 Meter weit, was ihm für den 27. Rang reicht. Damit schafft er die Qualifikation für den zweiten Durchgang, wo er wieder 133 Meter weit springt. Schon beim Anflug sehe ich, wie er hoch und stabil in der Luft liegt. Die Landung ist ansprechend. Im Unterschied zu seiner Frühzeit schafft er inzwischen einen passablen Telemark, was ihm nicht so viele Abzüge bei den Stilnoten einbringt. Früher gewann er die Wettkämpfe, weil er deutlich weiter als seine Konkurrenten sprang.

Simi erreicht den 20. Schlussrang und erfüllt damit eine erste interne Qualifikation für die Olympischen Spiele 2026 in Predazzo. Das wäre dann seine achte Teilnahme. Erstmals war er 1998 mit 17 Jahren in Nagano gestartet.

Ich machte Fotos. Es brauchte mehrere Anläufe, bis ich die Springer erwischte. Um sie besser in ihrer Haltung zeigen zu können, zoomte ich näher. Das machte es noch schwieriger, den richtigen Zeitpunkt zu treffen. Simi erwischte ich ganz knapp in der linken oberen Ecke. Besser gelang mir das Foto des Siegers Domen Prevc.

Domen Prevc kurz vor der Landung

Was ist es, was mich an Simon Ammann so begeistert? Ich staune, wie er selbst in einem hohen Alter für Spitzensportler – er ist 44 Jahre alt – Disziplin und Ausdauer hat. Wie er trotz ausbleibender Spitzenergebnisse dran bleibt. Er selbst spricht davon, dass er immer noch das „Feuer“ spürt. Es muss eine ungeheure Leidenschaft sein, die ihn befeuert. Das finde ich eindrücklich.

Nun ist auch klar, dass er am Jahresende an der Vierschanzentournee in Deutschland und Österreich starten wird. Seine 27. Teilnahme seit 1999. Kein einziges Mal hat er gefehlt. Eine unglaubliche Leistung.

Ich vermute, dass er nach den Olympischen Spielen 2026 zurücktreten wird. In Klingental im Bundesland Sachsen, wo eine Woche vor Engelberg ein Springen stattfand, hatte er sich mit einem Winken vom Publikum verabschiedet. Es schien mir, er habe dies bewusst getan im Wissen darum, dass er nie mehr als Skispringer zurückkehren wird.

Simi wird mir fehlen. Wie ein guter langjähriger Freund, der mich durch das Leben begleitet hat. Mit ihm habe ich gejubelt und gelitten. Die Gefühle der Freude und Enttäuschung haben mein Leben bereichert. In solchen Momenten fühlte ich mich lebendig. Mit ihm konnte ich weiter fliegen.

Nachtrag: Simi wurde schliesslich doch nicht für die Olympischen Spiele nominiert. An seiner Stelle bestritt der 19-Jährige Felix Trunz die Wettkämpfe in Predazzo.