Mein Klavier Besuch des Klavierstimmers

Nik Rindlisbacher, Klavierbauer und Klavierstimmer

5. Dezember 2025

Der Klavierstimmer ist zu Besuch. Es geht um mein Klavier, Marke Schimmel, Seriennummer 294273. Er findet sie in der App, wo das Herstellungsjahr mit 1991/1992 angegeben wird. Ich kaufte das Klavier 1991 im Musikgeschäft Notenschlüssel in Aarau. Es war also frisch aus der Fabrik angeliefert worden.

Ich lebte damals in Niedererlinsbach und arbeitete für das Schweizer Fernsehen als Korrespondent für die Kantone Aargau und Solothurn. Mir fehlte die Musik und das eigene Klavier. Ich hatte es mit 10 Jahren zu spielen begonnen. Klassischer Unterricht, mit Matura-Abschluss 1979. Ich erwog kurz, die Ausbildung am Konservatorium weiterzuführen. Und entschied mich dagegen, weil die Aussicht, als Klavierlehrer zu arbeiten, mich überhaupt nicht motivierte.

Stattdessen begann ich in einer Rockband Keyboards zu spielen. Nach dem Studium entdeckte ich die frei improvisierte Musik und besuchte Kurse an der Werkstatt für frei improvisierte Musik in Zürich, während ich als Journalist zu arbeiten begann. In jener Zeit entstand der Wunsch nach einem eigenen Klavier.

Ich erinnere mich, wie ich mehrmals im Musikgeschäft in Aarau vorbeischaute und verschiedene Klaviere spielte. Bis meine Wahl auf den Schimmel fiel. Mir gefiel sein Klang, aber auch das Kirschenholz, aus dem das Furnier geschaffen ist. Es ist die teuerste einzelne Investition meines Lebens bis heute: 10‘000 Franken.

Die Saiten sind an den Stimmwirbeln aufgespannt, die durch eine gusseiserne Platte im Holzstimmstock verankert sind. Die Zugkräfte auf den Saiten sind enorm: 15 Tonnen. Jeder Ton entsteht durch den Klang von drei Saiten, die durch den Hammer angeschlagen werden. Zuerst stimmt der Klavierstimmer die mittlere Saite, indem er die andern zwei mit einem Filztuch abdämpft. Die Stimmung funktioniert so:

"Zuerst stimme ich im Quintenzirkel die Temperatur (von a zu a‘). Die Gleichmässigkeit der Temperierung kontrolliere ich mit Sexten und Terzen. Wenn das passt, stimme ich in Oktaven von der Mitte aus nach oben und nach unten. Hier kontrolliere ich meistens mit Quinten und Quarten, Doppeloktaven, Dezimen oder Terzen über zwei Oktaven. Mittels Arppeggios kontrolliere ich die obersten Diskanttöne auf ihre 'Linie'." (Nik Rindlisbacher)

Der Klavierstimmer hebt die Mechanik aus dem Klavier und stellt sie auf den Boden. Er muss beim f bzw. fis eine fehlende Saite einsetzen, die vor Jahren gerissen sein muss und nicht ersetzt worden ist. Während er den Saitensatz im Auto holen muss, schaue ich mir das Innere genauer an. Da ist das Logo der Firma: Schimmel 1885, heller Schriftzug auf rotem Grund. Darunter der Flügel, daneben links und rechts je ein Wappen. Darum herum in der Form unterschiedlich grosser Münzen Darstellungen von verschiedenen Szenen. 1885 in Leipzig gegründet, verlegte die Firma ihren Sitz 1932 nach Braunschweig und entwickelte sich zum grössten Klavierhersteller Deutschlands. Ursprünglich ein Familienbetrieb ist sie heute im Besitz der chinesischen Firma Pearl River Piano Group in Guangzhou.

Der Klavierstimmer misst die Breite der fehlenden Saiten: 1,05 mm. Material: Tiefziehstahl, Röslau-Stahl. Nicht zu brüchig bzw. genug elastisch. Angeblich wurde er für die ersten Prototypen von Luftschiffen wie dem Zeppelin zur Verstrebung verwendet. Nachdem der Klavierstimmer die Saiten eingespannt und die Mechanik wieder eingesetzt hat, macht er die Schlussstimmung. Das Klavier klingt nun wieder rein.

35 Jahre alt ist nun mein Klavier. Seit ich 30 bin, begleitet es mich durch mein Leben. Ein guter treuer Freund. Immer da, wenn ich ihn brauche. Manchmal lasse ich ihn tagelang, wochenlang unbeachtet. Verstimmt ist er aber deswegen nicht. Das ist die trockene Luft im Winter, die ihm zu schaffen macht.

Link Webseite Klavierstimmer