Rhein III Von Eglisau nach Laufenburg
06. Oktober 2026
Im B&B hat es eine Küche, wo das Frühstück von den Gastgeber:innen bereits am Vorabend vorbereitet worden ist. Später gesellt sich ein Paar zu uns, das ein ähnliches Projekt wie wir hat. Nur machen sie längere Etappen (Typ „Kampfwanderer“). Marcel ist Zürcher, Barbara Thurgauerin. In Winterthur, wo er arbeitete, habe man erzählt, im Osten komme der Wald – und dann nichts mehr. Allenfalls noch Mostindien, ein anderer Ausdruck, der die Vorurteile dem Thurgau und seiner Sprache gegenüber zum Ausdruck bringt.
Der Spracherwerb ist interessant. Marcel hat aus erster Ehe zwei Kinder. Aus der Forschung ist bekannt, dass die Bezugsperson entscheidet. Jenes Kind, das mehr ihm zugewandt war, spricht Thurgauer Dialekt. Das andere, dessen Bezugsperson die Mutter – eine Thurgauerin –, war, Zürcher Dialekt. Verkehrte Verhältnisse an der Sprachgrenze.
Wir verabschieden uns von den beiden, wissend, dass sie uns auf der Strecke wohl irgendwo ein- und überholen werden. Der Rhein glitzert in der Morgensonne, kleine Nebelschwaden hängen knapp über der Wasseroberfläche. Wir wechseln auf die linke Flussseite und wandern Richtung Kaiserstuhl.
Auf der Höhe von Hohentengen geraten wir unter die Anflugschneise des Flughafens Kloten. Im 1-Minuten-Takt überfliegen uns mehrheitlich Swiss-Flugzeuge. Ich erinnere mich, wie Deutschland mit der Schweiz um einen Staatsvertrag rang, der endlich die lärmgeplagte badische Bevölkerung entlasten sollte. Es ist unvorstellbar für mich, unter solchen Umständen zu leben. Hier eine Lärmprobe. Weiter unten auf dem Bild ist die Brücke von Kaiserstuhl zu sehen. Dort trifft es die Schweizer Grenzbevölkerung.
In Kaiserstuhl holt uns am Mittag das Paar vom B&B ein. Während die beiden weiterwandern mit Ziel Bad Zurzach, rasten wir. Zum Glück macht auch der Flugverkehr Mittagspause, bevor kurz nach Eins ein Emirates-Flieger – für mein Dafürhalten etwas tief – das Städtchen überfliegt.
Bei Rümikon machen wir Schluss und nehmen den Zug nach Koblenz. Mit dem Bus fahren wir weiter bis zur Haltestelle Leibstadt Milchhüsli. Das dortige Atomkraftwerk ist eine Zumutung der visuellen Art. Die Lagerung der dort produzierten und Tausende von Jahren strahlenden Abfälle ist in der Schweiz immer noch nicht geklärt. Das neuste Projekt der NAGRA soll in Benken im Zürcher Weinland realisiert werden. Die Gemeinde befindet sich ganz in der Nähe von Rheinau, wo wir die zweite Etappe unserer Rheinwanderung begannen.
Schliesslich fahren wir mit dem Bus nach Laufenburg. Ein Städtchen, in dem ich Anfang der 90er-Jahre für eine Recherche war. Ich sprach mit Erwin Rehmann, einem Bildhauer, wie er die Zeit des 2. Weltkrieges erlebt hatte. Hier ist der Rhein ganz schmal, eine Brücke verbindet den schweizerischen Ortsteil mit dem deutschen. Mich interessierte von ihm zu erfahren, ob seine Familie nach dem Krieg das nachbarschaftliche Zusammenleben wieder aufnahm – im Wissen um die Kriegsverbrechen der Deutschen. Das Gleiche fragte ich eine deutsche Zeitzeugin auf der andern Seite des Rheins. Mir ist in Erinnerung geblieben, dass beide sagten, es habe Jahre gedauert.
Bei meinem damaligen Besuch war die Grenze noch bewacht. Nun überqueren wir die Brücke, ohne von Zollpersonal kritisch beäugt zu werden. Die deutsche Seite liegt in der Abendsonne. Im Hotel Rebstock hat es auf der Terrasse noch einen Tisch frei. Die Familie Brutsche führt den Betrieb seit über 90 Jahren. 1933, im Jahr der Machtübernahme von Hitler, hatte sie das Haus gekauft.