Rhein Von Stein am Rhein bis Diessenhofen
04. Oktober 2026
Nachdem uns das Flusswandern im Sommer der Reuss entlang so viel Spass gemacht hat, nehmen wir eine neue Route in Angriff: die Via Rhenania, Wanderweg Nr. 60. Wir fahren mit dem Zug über Zürich und Winterthur nach Stein am Rhein. Das pittoreske Städtchen ist mit Sonntagsausflüglern aus beiden Ländern überfüllt. Nach einem kurzen Picknick am Rheinufer machen wir uns auf den Weg rheinabwärts.
Wir wandern auf der rechten Seite des Rheins auf Schaffhauser Boden, bis wir bei Hemishofen über die Brücke auf das linke Rheinufer wechseln, das zum Kanton Thurgau gehört. Von der Brücke erfasse ich erst richtig, wie tief der Pegelstand des Rheins ist. Es gibt Passagen, wo das Flussbett an die Oberfläche kommt oder deutlich sichtbar ist.
Über Rheinklingen gelangen wir zu einem Weiler namens Schupfen, wo im Gasthof eine Gesellschaft Geburtstag feiert. Ein Boot ist am Ablegen, ich frage, wohin es fährt – in der Hoffnung, dass wir den Rest des Weges bis Diessenhofen gemütlich runtertuckern können. Einer der Gäste macht sie jedoch gleich zunichte. Das Boot sei von der Festgesellschaft für kleine Rundfahrten gekapert.
Obwohl wir erst rund 3 Stunden am Wandern sind, spüre ich Nacken und Schultern. Der Rucksack, grosszügig gepackt, wiegt schwer. Wo ich beim Velofahren minutiös darauf achte, nicht zu viel Gepäck dabei zu haben, war ich hier mangels Erfahrung zu wenig streng. Drum bin ich froh, als wir schliesslich den Bahnhof von Diessenhofen erreichen. Im „avec“-Shop kaufen wir uns ein Radler-Bier, das eine wohltuende Erfrischung bietet, bis der Bus abfährt.
Den Übernachtungsort suche ich jeweils im Verlauf des Tages. Für Diessenhofen zeigt mir Booking kein einziges Hotel an. Unter den Angeboten in der weiteren Umgebung sticht eines heraus: Schloss Schwandegg in der Gemeinde Waltalingen im Zürcher Weinland. Da das Schloss etwas ausserhalb der Gemeinde Oberstammheim liegt, frage ich zuerst im Restaurant an, ob für den Abend noch ein Tisch frei sei. Der Herr, der das Telefon abnimmt, enttäuscht mich. Leider sei das Restaurant ausgebucht.
Ich finde in Oberstammheim beim Bahnhof eine Pizzeria. Dann essen wir halt dort und nehmen den letzten Bus kurz vor Acht, um nach Waltalingen zu gelangen. Da das Schlosshotel jedoch nur einen Check-in bis 18 Uhr vorsieht, rufe ich nochmal an. Derselbe Herr, der mich kurz zuvor enttäuschen musste, erkennt den Ernst der Lage bzw. die Gunst der Stunde. Nachdem er ein paar Abklärungen gemacht hat, kommt die frohe Kunde: Er habe für uns im Eingangsbereich des Restaurants einen Tisch frei machen können. Alles wird gut!
Das Etablissement hat Geschichte. Der Bau reicht ins 13. Jahrhundert zurück. Die Herren von Schwandegg verstarben zwar bereits anfangs des 15. Jahrhunderts ohne Nachkommen. Aber das Schloss blieb in den folgenden Jahrhunderten unter verschiedenen Besitzern bewohnt. Schliesslich kaufte es der Kanton Zürich 1974. Nachdem es mal vorübergehend als Jugendherberge diente, übernahm es der Herr am Telefon, Noé Nyaguy, zusammen mit seinem Bruder 2018.
Das Schloss hat Charme und Klasse. Im Restaurant kann man ausgezeichnet essen. Das Wichtigste: Chef und Team harmonieren. Man spürt die Leidenschaft des Gastgebers und wie er seine Angestellten motivieren kann. Diese sprechen übrigens nicht etwa Zürichdeutsch, wie man das im Zürcher Weinland vermuten könnte, sondern Thurgauer-Dialekt. Eine Angestellte, darauf angesprochen, meint, sie seien eben Grenzgänger. Das lässt tief blicken. Dazu später mehr.