Pétanque in Nice Was lange währt, wird endlich gut

21. April 2026

In Beaulieu-sur-Mer findet ein Turnier für Veteranen statt. Veteran ist man im Pétanque mit 55. Diese Bedingung erfülle ich längst. Für eine Doublette braucht es jedoch einen zweiten Spieler. Da ich im Moment in Nice allein unterwegs bin, möchte ich mich als Einzelspieler („joueur isolé“) anmelden.

Als ich Anfang der 2000er-Jahre erstmals in Frankreich an Turnieren teilnahm, war dies ohne Problem möglich. Man sicherte sich so einen Startplatz. Und es gab immer wieder französische Spieler, die nicht rechtzeitig zur Einschreibung erschienen. Diesen konnte man so eine Mitspielmöglichkeit anbieten. So habe ich mehrmals mit Menschen zusammengespielt, die ich nicht kannte. Natürlich war damit ein gewisses Risiko verbunden. Aber ich konnte immer davon ausgehen, dass sie mindestens so gut wie ich, wenn nicht sogar besser spielen würden.

Ich kläre gestern Abend telephonisch ab, bis wann ich für die Einschreibung erscheinen muss. Ein Délegué sei anwesend und für die Durchführung des Turniers verantwortlich. Ich müsse vor 12 Uhr einen zweiten Spieler vor Ort finden. Andernfalls könne ich nicht teilnehmen. Aufgrund der früheren Erfahrungen bin ich zuversichtlich, jemanden vor Ort zu treffen, der mit mir das Turnier spielt.

Ich komme kurz vor 11 Uhr mit dem TER in Beaulieu-sur-Mer an und gehe runter zum Hafen, wo sich der Club befinden soll. Im Internet finde ich verschiedene Ortsangaben, die sich jedoch als falsch herausstellen. Deshalb frage ich – wie das in der Zeit vor dem Internet noch üblich war – verschiedene Leute auf der Strasse. Und es kommt, wie es in solchen Fällen kommen muss: alle sind willig, mir zu helfen, aber die Hinweise gehen diametral auseinander. Schliesslich treffe ich einen jungen Mann, der hier arbeitet, telefoniere dem Club und lasse diesem erklären, wo sich die Terrains befinden.

Es stellt sich heraus, dass der anwesende Délegué ein Vertreter des französischen Pétanqueverbandes ist. Die Einschreibung schliesse in 20 Minuten. Bis dann hätte ich Zeit, jemanden zu finden. Eine Frau, welche die Bar des Clubhauses betreibt, ist bereit, den Kontakt mit einer Spielerin herzustellen. Nur nimmt diese das Telefon nicht ab. Ein Spieler, der bereits anwesend ist, sagt lapidar: jene, die Zeit haben, hätten sich bereits eingeschrieben, die andern seien offenbar verhindert.

So kommt es, dass ich um viertel nach 12 unverrichteter Dinge wieder meines Weges gehe. Dem Délegué tut es leid, und ich wünsche ihm ein gutes Turnier. Ich gehe runter zum Strand, esse das vorbereitete Picknick und verfolge, wie zwei junge Männer Padel spielen. Es hat nur wenige Menschen, die Stimmung ist friedlich. Schliesslich gehe ich wieder hoch zum Bahnhof und fahre zurück nach Nice. Ausser Spesen nichts gewesen.

Terrain des Pétanque-Clubs Berlugane
Strand von Beaulieu-sur-Mer
Padel-Spieler

Glücklicherweise habe ich inzwischen einen Club gefunden, bei dem ich jeweils nachmittags spielen kann: Nice Métropol Pétanque, jener Club in der Nähe des Bahnhofs. Der Verantwortliche ist bereit, mich als Mitglied aufzunehmen. Die Atmosphäre unter den Mitgliedern ist freundschaftlich. Ich werde von allen begrüsst. Inzwischen wissen die meisten, dass der Schweizer ganz leid Pétanque spielt. Einige von ihnen habe ich heute näher kennengelernt.

Philippe war ehemals Deutschlehrer. Er nutzt die Gelegenheit, mit mir Deutsch zu sprechen. Umgekehrt korrigiert er mich, wenn ich Fehler im Französischen mache. Die Tücken der korrekten Grammatik können einem schon die Freude am Sprechen verderben. Ich erinnere mich, wie schwer ich mich in der Schule tat. Erst bei einem mehrmonatigen Aufenthalt in Paris nach dem Studium entdeckte ich, dass die Umgangssprache sehr viel einfacher als die Schulsprache ist und niemand im Alltag das Wort auf die Goldwaage legt. Und als ich realisierte, dass ich Französisch denke, war der Bann definitiv gebrochen.

Im Team von Philippe spielt Lydia, eine ältere Dame, die jeden Tag mit ihrem Hund vorbeikommt. Im Unterschied zu gestern spielt sie heute richtig gut und setzt ihre Kugeln häufig nah an die Zielkugel („cochonnet“ oder „but“). Ich verliere mit meinen Mitspielern dreimal die Partie gegen sie. Später kommen wir miteinander ins Gespräch. Sie ist 76. Mit 60 in Pension gegangen, seien die Jahre im Flug vorbeigezogen. Es sei wichtig, die Zeit zu nutzen, sie sei so schnell vorbei. Letztes Jahr habe sie mit ihrer Tochter erstmals Paris besucht und den Eifelturm gesehen. Früher hätten sie arbeiten müssen und sich solche Reisen nicht leisten können.

Im Clubhaus gibt es eine Pinwand mit Fotos von verstorbenen Mitgliedern. Und darüber hängt eingerahmt der neue Stadtpräsident. Ich spreche eine Spielerin, die neben mir steht, darauf an. Sie erwähnt, dass die Clubs städtische Einrichtungen und subventioniert seien. Wes Brot ich ess, des Foto ich häng.

Nachträge: Des Nachbars Fahne ist wieder um die Stange gewickelt. Die Holzkonstruktion auf dem Hoteldach erstreckt sich inzwischen über die ganze Breite und wurde mit einem durchsichtigen Tuch versehen, das wohl verhindern soll, dass Gegenstände zwischen den Holzlatten hinunterfallen (s. Empfehlung von Beatrice). Und mein Vater befindet sich weiterhin im Spital Bruderholz bei Basel, wo er entweder im Bett liegt oder im Rollstuhl sitzt. Er hat Moral, auch wenn der Weg beschwerlich und die Zukunft ungewiss ist. Sein Vater war nach einem Sturz die letzten Jahre seines Lebens an den Rollstuhl gefesselt.