Alltag in Nice Von Klempnern und heissblütigen Pétanquespielern
24. April 2026
Es ist Abend. Der Blick durch‘s Fenster in den Innenhof zeigt einen wolkenlosen Himmel. Die Stimmung ist wunderbar. Nur sind die Klempner im Haus am Werk. Eine Wasserleitung im Keller muss geborsten sein. Nun wird gebohrt. Bereits am Morgen war ein Vertreter der Firma „Nice Plomberie“ hier. Er hatte beim Eingang die Türklingel von Beatrice gedrückt. Ich ging runter und liess ihn rein. Offenbar bin ich der einzige anwesende Bewohner im Haus.
Am Nachmittag spielte ich bei meinem Club, in dem ich nun offiziell Mitglied bin, ein Pétanque-Turnier. Man schrieb mich mit Jean-Paul als Team ein. Ich hatte ihn vor einer Woche kennengelernt. Er wunderte sich über meinen Akzent. Da stellte sich heraus, dass er gebürtiger Schweizer ist, der sich zuerst in Marseille, später in Nice niedergelassen hat und inzwischen Doppelbürger ist.
Der Modus sah vor, dass wir 3 Spiele spielen, jeweils ergänzt durch einen weiteren Spieler, der uns zugelost wird. Wir verloren die ersten beiden Spiele. Während des zweiten Spiels enervierte sich ein Spieler auf dem Nebenplatz darüber, dass Jean-Paul mit lauter Stimme Kommentare zum Spiel und unseren Mitspielern machte. Jean-Paul ist ein herzlicher und emotionaler Mensch. Er macht gerne Sprüche, wie andere Spieler auch. Nach der Intervention war er deutlich ruhiger und konzentrierter.
Die Geschichte hatte jedoch ein Nachspiel. Die beiden begegneten sich wieder an der Bar. Jean-Paul wollte ein Getränk für uns holen. Dabei muss ein Disput entstanden sein. Als sich Jean-Paul draussen zu mir an den Tisch setzte, kam der andere Spieler aus dem Clubhaus und empörte sich, er sei respektlos von Jean-Paul behandelt worden. Er machte Anstalten, auf ihn loszugehen und handgreiflich zu werden, konnte jedoch von Kollegen zurückgehalten werden.
Jean-Paul tat so, wie wenn er von nichts wüsste. Aber da sich der Andere nicht beruhigte, stand er auf und sagte mir, er müsse gehen, andernfalls würde er diesem etwas antun. Von Umstehenden wurde angedeutet, dass der andere Spieler immer mal wieder Probleme bereite. Offenbar können die Umgangsformen unter Männern sehr ruppig sein. Und wehe, es fällt ein falsches Wort. Beleidigungen werden sogleich erwidert. Ich erinnere mich an die Szene im Final der Fussballweltmeisterschaft in Deutschland 2006, als der Captain der Franzosen, Zinedine Zidane, den italienischen Verteidiger Marco Materazzi mit einem Kopfstoss in die Brust faulte, weil ihn dieser beleidigt hatte.
Zurück zu den Klempnern. Wieder schellt die Klingel. Die Arbeiter wollen von mir wissen, ob ich noch Wasser kriege. Offenbar gibt es verschiedene Leitungen. Ich kann bestätigen, dass in der Wohnung von Beatrice kein Wasser mehr läuft. Dann wird weiter gebohrt.
Wasser ist ein derart selbstverständliches Gut. Wenn es mal nicht zur Verfügung steht, geraten tägliche Abläufe ins Wanken: Dusche, Abwasch, WC-Spülung. Ich bin gespannt, ob die Arbeiter das Problem in der Nacht beheben können. Zur Sicherheit habe ich Beatrice angerufen. Sie war schon per Mail von der Stadt informiert worden.
Ich frage mich, wo die andern Hausbewohner:innen sind. Der Nachbar auf dem gleichen Stock benutzt die Wohnung offenbar nur tagsüber als Büro. Die Person, die manchmal Klavier spielt, scheint auch nicht hier zu wohnen. Ist das die Realität von städtischen Häusern im Zentrum von Nice, dass sie wegen der hohen Kosten kaum mehr ganzjährig bewohnt werden?
Nachtrag: Das Wasser im Haus läuft wieder. Ich bin erleichtert. Ein Lob auf die Handwerker, die zu jeder Tages- und Nachtzeit bei Notfällen ausrücken und dank ihrer Kompetenz und Erfahrung für jedes Problem eine Lösung finden.
A propos heissblütige Pétanquespieler: Die Kehrseite davon ist, dass sich die Männer hier bei der Begrüssung auf die Wange küssen. Das zeigt mir, dass sie über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte freundschaftlich miteinander verbunden sind. Der Club ist ein wichtiger Bestandteil ihres Alltags, im Clubhaus treffen sie sich für einen Schwatz oder spielen Karten. Einige kommen jeden Tag. Es ist Heimat. Trotzdem ist man offen für Fremde wie mich. Klar nennen sie mich „Petit Suisse“, machen Sprüche über die Banken (die Schweizer können zählen), und der Hinweis auf die Schokolade darf natürlich auch nicht fehlen. Aber es ist Teil eines Humors, der Nähe schaffen will. Im Spiel äussern sie sich anerkennend, wenn mir eine Kugel gelingt. Für mich ist es eine Heimat auf Zeit. Ich bin dankbar dafür.
Jean-Paul hat Mickey - der Mann, der für den Betrieb des Clubs zuständig ist und mir eine Mitgliedschaft ermöglicht hat - eine Nachricht geschickt, die er auch mir zukommen liess. Darin rekapituliert er das gestern Geschehene. Er spricht von einer "bonne ambiance de camaraderie" während der zweiten Partie. Und dass er sich für den Lärm bei den Spielern auf dem Nebenplatz entschuldigt habe. An der Bar, als es zum Zusammentreffen mit dem Opponenten kam, habe er sich bei diesem nochmals entschuldigt. Und ihm ein Getränk angeboten. Dieser habe jedoch seine Vorwürfe wiederholt und sei sehr aggressiv geworden. Das habe ihn verärgert, er lasse sich nicht wiederholt beleidigen. Er entschuldige sich bei allen Clubmitgliedern. Er könne unter diesen Umständen nicht mehr wiederkommen. Denn falls er seinem Opponenten begegnen würde, stehe einer von ihnen beiden nicht mehr auf. Er schliesst mit den Worten:
"Mon ego n'est pas surdimensionné, mais à mon âge, il est impensable qu'un homme s'en prenne à moi pour un futil prétexte...Reçois toute ma sympathie. Jean-Paul"