Fabrik in Katalonien Von Anfängen im Film
19. Mai 2026
Am Montag visionierte ich den Film „Eine Fabrik in Katalonien“ von Helena Dali. Sie hatte mich angefragt, ob ich die Moderation einer Kino-Vorführung übernehmen würde. Sie ist spät in ihrem Leben als Quereinsteigerin zum Film gekommen – ausgelöst durch eine Familiengeschichte, der sie seit ein paar Jahren nachgeht. Der Grossvater ihres Partners war Anfang des 20. Jahrhunderts nach Barcelona ausgewandert und hatte im Vorort Sant Boi eine Textilfabrik gegründet. Er geriet in die Wirren des Spanischen Bürgerkrieges und floh mit seiner Familie in die Schweiz, kehrte aber trotz der Diktatur Francos zurück.
Wie kann und soll man leben unter den restriktiven und gewalttätigen Bedingungen einer Diktatur? Fragen, die Helena umtrieben und die ich zum Thema unseres Gesprächs nach dem Film mache. Die Veranstaltung findet am Dienstag Abend im Kino Scala in Langenthal statt. Ich nehme in Luzern den Zug, der mich über Wolhusen und Willisau durch das hügelige Luzerner Hinterland führt.
Im Gespräch nach dem Film findet Helena einleuchtende Antworten auf meine Fragen. Sie spricht von einer „steilen Lernkurve“, die sie mit dem Filmprojekt machen durfte. Ich staune über ihren Mut und ihre Unverfrorenheit, wie sie sich ohne filmische Vorkenntnisse darauf eingelassen hat. Es braucht eine gehörige Portion Naivität, um nicht vor dem eigenen Mut zu erschrecken und sich durch Selbstzweifel vom Weg abbringen zu lassen. Natürlich bezahlte sie als blutige Anfängerin einen Preis. Sie erhielt kaum Unterstützung durch die öffentliche Filmförderung und musste mit einem knappen Budget und wenig Personal auskommen. 12 Drehtage für einen stündigen Film sind wenig.
Neben Naivität und Hartnäckigkeit braucht es Leidenschaft. Eine intrinsische Motivation, die einem hilft, Hürden zu überwinden, die einen solchen Weg unweigerlich pflastern. Chapeau Helena! Ihr Beispiel erinnert mich an einen Moment zu Beginn meines Berufslebens, als ich ähnlich unbelastet und unbeeindruckt meinen ersten längeren Film in Angriff nahm. „Stationen einer Flucht oder Das Asyl zu Basel“ (1990) erzählt die Geschichte des Wiener Juden Heinrich Ungar, der 1938 in die Schweiz flüchtete. (Link Film)
Der Unterschied zu Helena: Ich war eingebettet in eine Institution (Schweizer Fernsehen) und unterstützt durch eine Redaktorin (Regula Beck), die mir vertraute und das Projekt finanzierte. Wie mir erst später bewusst wurde, stellte ich damit ein im Haus geltendes Prinzip auf den Kopf. Es war damals üblich, dass man sich emporarbeiten und bewähren musste, bevor einem die Möglichkeit für einen längeren Film eingeräumt wurde. Die Dokumentarfilme wurden von wenigen Hausautor:innen gedreht, u.a. Paul Riniker und Marianne Pletscher. Ich war noch mitten in der Ausbildung zum Reporter und hatte erst eine Ahnung davon, was es heisst, eine mehrminütige Reportage zu drehen. Aber einen halbstündigen Dokumentarfilm zu realisieren, ist eine andere Schuhnummer.
Letztlich geht es wohl um das eigene Selbstvertrauen, das ausschlaggebend ist. Es rührte bei mir vom Stoff her. Die Basler Flüchtlingspolitik hatte mich bereits in der Lizentiatsarbeit am Ende meines Studiums beschäftigt. Diese Fachkenntnis war es auch, die es Regula Beck wagen liess, mir die Verantwortung für den Film anzuvertrauen.
Der Vorteil der Naivität ist: Ich hatte keine Vorstellung davon, was bei einem solchen Projekt alles scheitern kann. Ich kannte die Komplexität von Dreharbeiten, Montage und Dramaturgie für einen längeren Film nicht. Ich war auf gute Mitarbeiter:innen angewiesen. Und es brauchte Glück und Zufälle, die dabei halfen, dass das Projekt gelang.
Ein wichtiger Puzzlestein war der Film, auf den ich bei Recherchen im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich stiess. Heinrich Ungar, mein Protagonist, war während des Krieges in Arbeitslagern des Bundes beschäftigt worden. Der Nachlass des Leiters der Arbeitslager wird im Archiv aufbewahrt. Bei der Durchsicht seiner Korrespondenz fiel mir auf, dass an mehreren Stellen von einem Film die Rede ist, den das zuständige Departement EJPD von Bundesrat Steiger („Das Boot ist voll“) nach dem Krieg in Auftrag gegeben hatte. Ziel: die bereits damals kritisierte Flüchtlingspolitik der Schweiz während des Krieges zu rechtfertigen.
Ich suchte das Bundesarchiv in Bern auf. Weil ich konkrete Angaben machen konnte, fanden die Mitarbeiter eine Filmrolle mit dazugehörigem Dossier. Aufgrund der Dokumente und Skizzen des Drehbuchs mit dem Titel „Die Flut“ durfte ich annehmen, dass der Film eine interessante Gegenperspektive zur Erzählung meines Protagonisten bieten könnte. Ich telefonierte Regula Beck, die bereit war, die Kosten für eine Überspielung des Films zu bezahlen.
Tatsächlich stellte sich der Film als ausgesprochenes Propagandawerk heraus – produziert von Lazar Wechsler von der Präsens Film, die für grosse Werke des alten Schweizer Films wie das Flüchtlingsdrama „Die letzte Chance“ bekannt war. Ich hatte einen veritablen Fund gemacht. Der Film war niemandem bekannt, weil er vom Bund nach wenigen Vorführungen entsorgt worden war. Er wirkte offenbar auf das ausgewählte Publikum selbst damals zu einseitig.
Mein Film wurde schliesslich im März 1990 in der Reihe „Spuren der Zeit“ des Schweizer Fernsehens ausgestrahlt und stiess auf grosse Resonanz. 7 Jahre später sollte er ein zweites Mal ausgestrahlt werden. Die Schweiz war inzwischen von ihrer Geschichte eingeholt worden: Die Kritik am Umgang der Banken mit den nachrichtenlosen Vermögen von Juden führte zu einer kritischen Aufarbeitung jener Zeit durch die Bergier-Kommission.