Die Abfahrt 4. Etappe Soleilhas – Roquesteron
9. April 2026
Alain kümmerte sich um mein Frühstück. Beinahe hätten wir das Ei vergessen. Sein Hühnerhof bietet Eier in verschiedensten Pastelltönen, je nach Sorte des Huhns. Er offerierte mir ein grünes. Die Garzeit war perfekt, das Ei war noch etwas flüssig.
Ich fragte, wie seine Familie den Krieg erlebt hatte. Seine Grosseltern schickten drei ihrer vier Kinder, darunter Alains Vater, zu einem Taufpaten in die Schweiz. Nur seine Tante, das jüngste Kind, blieb in Vallauris. Als die Deutschen den südlichen Teil von Frankreich ebenfalls besetzten, quartierte sich ein deutscher Offizier ein. Das Haus war mit Minen umgeben. Eine schwierige Zeit für seine Grosseltern, über die sie wenig sprachen.
Der Vater von Françoise stammt aus der Toskana. Er hat jedoch nie mit ihr Italienisch gesprochen, aus Sorge, dies würde ihr Französisch beeinträchtigen. Nun versucht sie, die Sprache ihres Vaters selbst zu erlernen. Es ist schön, dass ich auf diese Weise in Geschichte und Alltag einer französischen Familie Einblick erhalten durfte. Merci Françoise et Alain pour votre hospitalité généreuse! (Link La Fischaumière)
Nach Saint Auban ging‘s schon mal flott runter. Bis die nächste Steigung an der Reihe war. Aber kein Vergleich zu gestern oder vorgestern. Schliesslich erreichte ich den Weiler Le Mas, wo zu meiner Überraschung ein Restaurant geöffnet war. Die Lasagne kamen mir gleich recht.
Dann ging’s in eine längere Abfahrt. Richtig geil. Ich bin allein auf weiter Flur. Die Kunst ist, den Rausch der wachsenden Geschwindigkeit mit der Kontrolle der Verhältnisse zu kombinieren. Es gibt immer mal wieder Bodenunebenheiten, die sich unsanft bemerkbar machen, wenn ich sie übersehe. Es ist wichtig, den optimalen Druckpunkt der Bremsen zu kennen und vor den Kurven rechtzeitig abzubremsen. Wenn man über diesen Druckpunkt geht, droht das hintere Rad zu blockieren und auszubrechen.
Ich konnte es nicht lassen, eine kurze Videoaufnahme meiner Fahrt zu machen. Wie damals Mitte der 2000er-Jahre, als ich wie jedes Jahr im Juli eine Woche mit Freunden auf Rennvelos unterwegs war. Damals fuhren wir vom Langensee nach Camogli an der ligurischen Küste. Ich hatte in einer Seitentasche eine kleine Handkamera angehängt und konnte mit ihr während der Fahrt Aufnahmen machen. Es brauchte etwas Mut, nur mit einer Hand den Lenker und die Bremse zu halten und mit der andern Hand zu filmen. Das tat ich nun erneut, diesmal mit dem iPhone.
Schliesslich erreiche ich gegen 2 Uhr Roquesteron. Der Name ist eine Kombination von Roque (von ital. rocca, der Felsen) und Esteron, dem Fluss, der durch das enge Tal fliesst. Auch hier überrasche ich die Gastgeberin Monique mit meiner frühen Anreise. Aber sie zeigt mir bereitwillig das Zimmer im unteren Stock, das sogar über einen eigenen Eingang verfügt.
In der Bar des Dorfes trinke ich ein lokales Bier. Da diese Woche das einzige Restaurant wegen Umbauarbeiten geschlossen ist, will ich mir im Laden ein Brot kaufen. Leider liefert die Bäckerei genau heute kein Brot. Die Verkäuferin bietet mir Alternativen an, die mich weniger begeistern. Doch es hat Patisserie. Bereits hat die Kundin vor mir eine Tartelette aux framboises gekauft. Da schliesse ich mich gleich an. Sie passt in der Verpackung perfekt in meine Lenkertasche. Und deren Farbe korrespondiert auch sehr schön mit den Himbeeren. Ich setze mich auf eine Mauer und geniesse die Abendstimmung.
Nachtrag zu meinem Vater: Er hat die Narkose gut überstanden. Sein Blutdruck musste medikamentös unterstützt werden, aber in der Nacht war er soweit stabil, dass die Medikamente abgesetzt werden konnten. Nun ist er von der Intensivstation auf die Pflegestation verlegt worden. Ich konnte kurz mit ihm telefonieren. Er war hörbar noch etwas benommen, aber ansprechbar. Ich staune, wie er Rückschläge trotz seines hohen Alters verkraftet und guten Mutes ist. Chapeau Papa!