Mein Vater IV Räumung der Alterswohnung
8. Juli 2026
Am Montag treffen sich meine Schwestern und ich im Alterszentrum Sonnenpark in Pratteln. Nachdem wir in den Wochen zuvor sukzessive alles für ihn Notwendige in sein Pflegezimmer gezügelt haben, geht es nun darum, zusammen mit unserem Vater zu entscheiden, welche Bilder er behalten will. Wir sind erstaunt, wie er trotz fortschreitender Demenzerkrankung bei fast jedem Bild eine klare Meinung hat.
Von Hans Erni gibt es mehrere Zeichnungen mit persönlichen Widmungen des Künstlers. Ich vermute, dass der Schwager meines Vaters, der als Bildhauer in Littau lebte und Zugang zu Erni hatte, dies möglich machte. Erni war in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts ein Künstler der Avantgarde und zudem Kommunist. In der Zeit der geistigen Landesverteidigung und des Krieges musste er sich anpassen. So sehr, dass sich seine Kunst in der Zeit der Hochkonjunktur immer mehr dem Massengeschmack zuwendete. Offenbar gefiel meinen Eltern sein Stil – das liegende Paar, eine Lithographie, hing jahrzehntelang in ihrem Schlafzimmer.
Über eine Frau, die in Basel eine eigene Galerie für Antiquitäten und Kunst führte, erwarben sie Ende der 80er-Jahre modernere, auch abstrakte Werke. Ihr Haus liessen sie sich auf ihren Rat hin teilweise mit Designer-Möbeln einrichten. Auch bei der Einrichtung der Alterswohnung war sie ihre Beraterin. Nur wenige dieser Möbel und Bilder finden nun den Weg in sein Pflegezimmer. Den Rest wird das Brockenhaus der Heilsarmee am Mittwoch abholen. Doch während wir die Bilder in Vaters Zimmer aufhängen, schreibt mir Lina, die Tochter von Kathrin. Da ihre Freundin aus der gemeinsamen Wohnung in Basel ausziehe, sei sie auf der Suche nach Geschirr, Besteck und weiteren Haushaltsgegenständen.
Am Dienstag reise ich mit Kathrin und Lina erneut nach Pratteln. Mein Vater freut sich über den Besuch und Linas Interesse. Sie durchsucht seinen Haushalt, der bereits in Schachteln verpackt ist. Die Auswahl fällt ihr zunehmend schwer, besonders bei den Möbeln. Da ist das USM-Fernsehtischchen auf Rädern, das es ihr angetan hat. Auch die Liege mit Leselampe entgeht ihrem Kennerblick nicht – schliesslich hat sie Modedesign studiert. Ob diese Designer-Möbel in ihre Wohnung passen, ist eine andere Frage. Vielleicht wird sie sie dann auch auf Ebay oder Ricardo versteigern.
Da sich das Volumen stetig vergrössert, miete ich bei Mobility ein Auto, das in der Nähe stationiert ist. Der Combi reicht gerade, um alles zu verstauen. Damit fahren wir nach Basel und laden den Hausrat in ihrer Wohnung ab. Für mich ist es schön zu sehen, dass Einiges aus dem Haushalt meiner Eltern in der Familie bleiben wird. Selbst Kleider hat Lina in zwei Koffern mitgenommen, die in einem Tanzstück, bei dem sie im Herbst für die Kostüme verantwortlich ist, zum Einsatz kommen sollen.
Heute Mittwoch ist es dann soweit: Zwei Männer vom Brockenhaus der Heilsarmee fahren in Pratteln mit ihrem Bus vor. Sie begutachten den Hausrat. Einzelne Stücke fotographieren sie, um via Chat in der Zentrale abzuklären, ob diese sie weiterverkaufen oder entsorgen will. Das Meiste ist von guter Qualität und wird neue Besitzer:innen finden. Wo werden die Bilder, welche die Eltern über Jahrzehnte begleitet haben, einen neuen Wirkungsort finden?
Nachdem der Bus der Heilsarmee abgefahren ist, frage ich meinen Vater, ob er die leergeräumte Wohnung nochmals sehen will, bevor ich sie morgen offiziell übergebe. Er bejaht. In der Wohnung angekommen, möchte er nochmal auf den Balkon, wo man eine schöne Aussicht auf die umliegende Landschaft hat. Wir blicken zum Horizont, wo Strommasten stehen. Dort befindet sich der Friedhof, auf dem meine Mutter seit 2022 begraben ist. Nach einer Pause meint er, die Frage, wie lange er noch lebe, sei spannend. Er könne sich vorstellen, hundert Jahre alt zu werden.
Ich frage mich, welche Lebensmotivation es ist, die ihn zuversichtlich in die Zukunft blicken lässt. Ich sehe, wie er Mühe hat, nachzuvollziehen, was in den letzten drei Monaten passiert ist. Er ist von einem unterstützungsbedürftigen, aber immer noch selbständigen Mann zu einem pflegebedürftigen Menschen geworden. Mein Vater hofft immer noch, dass er den Rollstuhl demnächst verlassen kann. Er wird jedoch mit grosser Wahrscheinlichkeit nie mehr selbständig gehen können. Das ist wohl das Schicksal seiner letzten Lebensjahre, wie es auch das Schicksal seines Vaters war.