Feldis II Das Pétanque-Turnier

6. Juli 2026

Am Freitag Nachmittag treffen die ersten Spieler:innen ein. Ruedi kommt erstmals mit Christian, einem ehemaligen Spitzenspieler der Deutschschweiz, der sich jedoch aus dem Turnierwesen zurückgezogen hat. Kathrin trifft mit der Seilbahn eine halbe Stunde später ein.

Traditionell startet der Anlass am Abend mit einem Pastis-Apéro. Esther, die Eigentümerin des Sternahotel und Werner, der Turnierleiter, begrüssen die 24 Spieler:innen. Dann halte ich eine kurze Rede, in der ich auf die Anfänge des Turniers zurückblicke und Ruedi als Mitbegründer ehre. Er hat kein einziges der 30 Turniere verpasst. Zudem nutze ich die Gelegenheit, sein kürzliches Spitzenresultat hervorzuheben: Vor einer Woche ist Ruedi in Zürich Deutschschweizer Meister Doublette bei den Veteranen geworden. Eine tolle Leistung für einen 70-Jährigen.

Sieger Veteranen, in der Mitte mit Pokal Ruedi Escher

Nach dem Nachtessen starten wir wie immer mit einem Super Mêlée. Bei dieser Turnierform kriegt man für jedes der drei Spiele neue Partner:innen zugelost. Um 11 Uhr ist das Turnier beendet. Einige spielen jedoch unter Flutlicht weiter bis 1 Uhr nachts. Da ich auch an diesem Vormittag für das Hotel im Garten gearbeitet habe, sinke ich müde, aber zufrieden ins Bett.

Am Samstag beginnt um 9 30 Uhr das Hauptturnier. 2er-Teams, sogenannte Doublettes, spielen gegeneinander 5 Gruppenspiele. Ich gewinne mit Kathrin 4 Spiele, nach der Gruppenphase rangieren wir auf dem 1. Platz. Dann folgt der Viertelfinal gegen Urs und Kurt, zwei langjährige Teilnehmer des Turniers.

Wir liegen relativ schnell deutlich in Führung. Nach einer internen Teambesprechung sind die beiden Gegner jedoch wie ausgewechselt. Urs beginnt jede Kugel zu treffen, und Kurt punktet ausgezeichnet, so dass sie auf 9:12 herankommen und sogar die Möglichkeit haben, die Partie zu gewinnen. Da ereignet sich die entscheidende Spielszene: Ihre beste Kugel liegt zwei Zentimeter vom Cochonnet, der Zielkugel, entfernt. Ich habe noch eine Kugel zu spielen, auf eine Distanz von knapp 10 Meter.

Das Problem ist, dass der Weg durch eine eigene Kugel versperrt ist, die ca. 15 Zentimeter vor dem Cochonnet liegt. Wenn ich den Punkt noch gewinnen will, muss ich meine Kugel mit Effet, das heisst mit Drall werfen. Dazu muss ich sie mit einer Rechtsbewegung aus der Hand lassen, damit sie nach dem Auftreffen auf dem Boden (franz. la donnée) am Schluss der Rollphase um die davor liegende Kugel nach rechts dreht und auf die fremde Kugel trifft. Diese Überlegungen mache ich mir während der Vorbereitung, trete in den Kreis, fokussiere nochmals das Donnée, wo die Kugel in etwa auftreffen soll, und werfe sie nach vorne.

Inzwischen verfolgen einige Spieler:innen, die ihre Spiele bereits beendet haben, unsere Partie. Ihrer begeisterten Reaktion entnehme ich, dass meine Kugel das anvisierte Ziel erreicht hat. Sie ist direkt neben der fremden Kugel zu liegen gekommen. Aber es ist nur schwer von blossem Auge zu erkennen, welche der beiden Kugeln den Punkt macht bzw. näher beim Cochonnet liegt. Einige der Zuschauer:innen begutachten die Situation von nahe und sehen meine Kugel leicht im Vorteil. Kurt sieht jedoch seine Kugel näher. Deswegen bitte ich Mathias, als Schiedsrichter zu amten. Sein Entscheid ist definitiv: meine Kugel liegt näher! Und wir gewinnen die Partie.

Mathias’ knifflige Aufgabe (Foto: Ruedi Escher)

Nach dem Nachtessen finden die Halbfinals statt. Ruedi und Christian gewinnen 13:1 gegen Roman und Otti, die das Turnier schon mehrmals gewonnen haben, aber offenbar diesmal nicht ihr gewohntes Rendement zeigen. Kathrin und ich spielen gegen Gabriela und Roger, die wir in der Vorrunde 8:5 geschlagen haben. Die beiden spielen stark auf. Während Gabriela im Gruppenspiel noch Schwächen zeigte, macht sie jetzt stetig Druck mit sehr gut platzierten Kugeln. Und Roger, ihr Lebenspartner, trifft praktisch jede Kugel. Wir können einige Male noch den Kopf aus der Schlinge ziehen, aber schliesslich verlieren wir die Partie 8:13.

Der Final findet nach 9 Uhr statt. Deswegen haben wir zwei Scheinwerfer installiert. So wirkt der Platz wie ein kleines Stadion inmitten der grandiosen Landschaft des Domleschg. Es stehen sich zwei Teams gegenüber, die so noch nie im Final standen – und in der dreissigjährigen Geschichte des Turniers erstmals eine Frau.

Center Court by night (Foto: René Heldner)
Die Finalist:innen (von li nach re): Roger Schädler, Gabriela Thoma, Werner Wenk (Spielleiter), Ruedi Escher und Christian Keller

Im Final kommt nicht wirklich Spannung auf, weil Gabriela und Roger die Partie dominieren. Ruedi kann mit seinen Kugeln keinen Druck machen. Christian lässt immer wieder seine Klasse als ehemaliger Spitzenspieler aufblitzen, kann aber nicht verhindern, dass die Partie ihren Lauf nimmt.

Roger schiesst hervorragend. Wenn er sich vor dem Schuss konzentriert, hat er eine eigentümliche Vorbereitung. Er steht gebückt im Kreis, schwingt mit dem Arm mehrmals leicht nach vorne und zurück wie ein Pendel. Man fragt sich, wie der Entschluss in ihm reift, die Tat auszuführen. Vielleicht ist es das immer gleiche Ritual, wie wir es vom Tennisspieler Rafael Nadal her kennen. Ein Bewegungsablauf, der wohl auch der mentalen Vorbereitung und Visualisierung des angestrebten Ziels dient.

(Fotos: Theresia Wenk)

Obwohl es schon nach 11 Uhr ist, wird noch bis nach Mitternacht gepokert und gejasst. Am Sonntag Morgen gibt es ein paar Aficionados, die immer noch nicht genug haben und nochmals zwei Partien Boule spielen. Nach und nach verabschieden sich Einzelne. Einige werden sich erst wieder nächstes Jahr sehen. Der Termin für das 31. Pétanque-Turnier von Feldis steht bereits fest: 2. bis 4. Juli 2027.

Wenn es diesen Anlass nicht gäbe, müsste man ihn erfinden. Das Sternahotel ist ein Ort, wo wir uns wohl fühlen, inmitten einer wunderbaren Landschaft. Die Mischung der Menschen, die sich hier treffen, ist bunt: vom Bademeister über den Maurer und den ehemaligen Leiter eines Sozialdienstes bis zur Gesangslehrerin deckt das Klientel die ganze Breite unserer Gesellschaft ab. Jonas brachte es während des Apéros auf einen schönen Punkt: „Hier kann jeder so sein, wie er ist.“