Lucerne Festival American Dreams

Der weisse Saal des KKL Luzern

15. August 2026

Gestern war der Eröffnungsabend des Lucerne Festival im KKL. Ich trete zwanzig Minuten vor Beginn in den Konzertsaal ein. Erstaunlich, dass noch kaum Besucher:innen anwesend sind. Ich blicke vom 4. Balkon runter auf die Konzertbühne. Angestellte des KKL rücken Stühle der Musiker:innen zurecht, verteilen Noten, positionieren Notenständer.

Der Publikumsraum beginnt sich zu füllen, auch auf dem Balkon. Erste Nachbar:innen setzen sich zu mir in die vierte Reihe. Ich komme ins Gespräch mit einem deutschen Paar, das in der Westschweiz lebt und mit dem Zug angereist ist. Zufälligerweise waren sie mir dort begegnet, weil ich nach einem Besuch bei meinem Vater ab Olten im selben Zugwaggon reiste. Aufgefallen war mir die Frau, die bei der Einfahrt in Luzern bereits aufgestanden war und auf der Treppe wartete, bis sie aussteigen konnte.

Das Konzert beginnt mit dem Werk „New York Counterpoint„ von Steve Reich, ein Stück für 7 Klarinetten. Reich ist ein Begründer der Minimal Music, die mit der rhythmischen Verschiebung von Motiven einen faszinierenden Groove entwickelt, der meditativen Charakter hat.

Als das ganze Orchester auf der Bühne für das weitere Konzert bereit ist, fehlt nur noch der Dirigent. Er lässt auf sich warten – wohl ein Ritual, um die Konzentration und Aufmerksamkeit des Publikums zu steigern. Da kommt von links, aus der erwarteten Richtung, tatsächlich ein Mann auf die Bühne. Kurz bin ich und ein Teil des Publikums versucht zu klatschen. Tatsächlich ist es noch nicht Dirigent Riccardo Chailly, sondern ein Angestellter des Orchesters, der eine Partitur vergessen hat. Ein lustiger Moment im strengen klassischen Konzertbetrieb.

Auf Reich folgen zwei Kompositionen von George Gershwin: „Cuban Ouverture“ und „Concerto in F“ für Klavier und Orchester. Die Einflüsse des Jazz sind deutlich hörbar. Obwohl die Achtel wohl als gerade Noten (straight eights) geschrieben und klassische Musiker:innen nicht dafür bekannt sind, swingen die Stücke. Kompliment an das Lucerne Festival Orchestra und Riccardo Chailly.

In Erinnerung an den langjährigen Tubaspieler des Orchesters, der letztes Jahr verstorben ist, spielen die Blechbläser die Komposition „Fanfare for the Common Man„ von Aaron Copland. Ein Stück, das ich von der Interpretation durch die britische Rockband „Emerson, Lake and Palmer“ her kenne.

In der Pause suche ich die Dachterrasse auf, die einen wunderbaren Blick auf See und Landschaft bietet. Schliesslich folgt als letztes Werk die Sinfonie Nr. 1 in D-Moll von Charles Ives. Der erste Satz ist noch interessant, aber der weitere Verlauf überzeugt mich nicht. Auch Frank, mein deutscher Sitznachbar, zeigt mir durch seine Körperhaltung, dass er gelangweilt ist. Wir wundern uns beide, wie dieses Werk den Eröffnungsabend eines der wichtigsten Klassikfestivals beschliessen kann. Wohl liegt dies in der Verantwortung des neuen Intendanten Sebastian Nordmann. Oder war es Dirigent Riccardo Chailly, der sich dafür ausgesprochen hat?

Das Orchester kurz vor Beginn der 2. Konzerthälfte