Locarno II Piazza Grande – "Frank & Louis"
10. August 2026
Es ist einige Jahre her, dass ich letztmals einen Film auf der Piazza Grande sah. Heute ist es wieder einmal soweit. Ich habe einen Platz im nummerierten Sektor reserviert und setze mich gegen 9 Uhr auf meinen Stuhl. Ein paar Reihen weiter vorne befindet sich ein Durchgang, der quer über die Piazza führt. Dort schlendern Besucher:innen auf dem Weg zu ihrem Platz vorbei, auch Prominente. Darunter erkenne ich die ehemalige Bundesrätin Simonetta Sommaruga und ihren Mann, den Schriftsteller Lukas Hartmann. Wegen dessen Krankheit trat sie vor ein paar Jahren von ihrem Amt zurück. Die Begründung liess aufhorchen: Nun habe die Begleitung und Betreuung ihres Mannes Priorität.
Auf dem Programm steht der neue Film von Petra Volpe („Heldin“). In „Frank & Louis“ erzählt sie die Geschichte von zwei Insassen eines amerikanischen Gefängnisses. Frank hat die Aufgabe übernommen, seinen dementen Kollegen Louis zu betreuen. Nach anfänglichem Widerstand öffnet sich dieser und lässt die Hilfe von Frank zu. Der Stoff basiert auf einer wahren Geschichte. Für Petra Volpe, die 12 Jahre brauchte, um die Geschichte auf die Leinwand zu bringen, geht es darum, in einem inhumanen System Menschlichkeit und Solidarität zu zeigen.
Für mich ist es in zweierlei Hinsicht ein Déjà-vu. Als Filmemacher habe ich zweimal Filme teilweise in Gefängnissen gedreht. In „Lebenslänglich“ (67‘, 1996) begleitete ich drei Strafentlassene auf ihrem Weg zurück in die Gesellschaft. In „Vollenweider – Die Geschichte eines Mörders“ (74‘, 2004) erzählte ich die Geschichte der letzten Todesstrafe in der Schweiz nach zivilem Strafrecht. Als Pflegehelfer arbeitete ich 2018/2019 im Pflegeheim Sonnenberg in Affoltern am Albis. Dabei betreute ich auch Menschen mit Demenzerkrankung.
Der Film von Petra Volpe berührt eine zentrale Frage: Macht eine Strafe noch Sinn bei Menschen, die den Sinn der Strafe nicht mehr nachvollziehen können? Die Rolle von Frank als Betreuer ist ambivalent: Er muss sicherstellen, dass Louis trotz seiner Einschränkung im streng hierarchischen System des Gefängnisses weiterhin funktioniert und die Befehle befolgt. Insofern ist Frank der verlängerte des Systems und wird zwangsläufig zu Beginn von Louis abgelehnt.
Dass es zu einer Annäherung zwischen den beiden kommt, zeigt die universelle Botschaft des Films: Auch Menschen, die Verbrechen begangen haben, sind zu Menschlichkeit und Empathie fähig. Insofern ist es ein Prozess der Resozialisierung, der sie auf das Leben nach dem Gefängnis vorbereiten soll. Bedingung einer geglückten Resozialisierung von kriminellen Menschen ist jedoch, dass deren Opfer und ihre Angehörigen Rachegefühle und Vergeltungsbedürfnisse überwinden.
Eine der stärksten Szenen des Films zeigt die Anhörung von Frank vor der Kommission, die über sein Entlassungsgesuch befindet. Dazu ist die Tochter des Opfers eingeladen. Frank hatte ihren Vater bei einem Raub in dessen Haus erschossen. Die Tochter leidet immer noch unter dessen Verlust. Sie fühle sich bis heute nicht frei in ihrem Leben. Weshalb solle der Mörders ihres Vaters frei sein?
Wir sind alle immer wieder herausgefordert, in unseren Beziehungen Gefühle der Rache und Bedürfnisse nach Vergeltung zu überwinden. Darüber sprach ich auf Radio SRF, als im Herbst 2025 an die letzte Todesstrafe in Sarnen 1940 erinnert wurde (Interview).