Le Rouleur (der Roller) 5. Etappe Roquesteron – Nice
Um 8 Uhr serviert Monique ein Frühstück und setzt sich zu mir an den Tisch. Die beiden Hunde schnüffeln noch etwas an meinen Hosenbeinen, bis sie zum Schluss kommen, dass der Gast in Ordnung ist.
Auch Monique hat Einiges zu erzählen. Sie ist Belgierin (Flämin) und kam Mitte der 90er-Jahre nach Nice, wo sie 3 Kinder aufzog und in der Betreuung von alten Menschen tätig war. Bis ihr Vater starb und sie wieder für ein Jahr in Belgien lebte. Da habe sie gespürt, dass Südfrankreich ihre Heimat geworden sei. Sie hatte jedoch das Bedürfnis nach Veränderung und suchte nach einem ruhigeren Wohnort, den sie in Roquesteron fand.
Ihre Hunde stammen aus Rumänien. Sie lebten auf der Strasse oder wurden schlecht behandelt, bis sich eine Organisation um sie kümmerte und nach Halter:innen suchte. So kamen Achilles und Glover zu Monique.
Interessant war das Gespräch über Politik. Es stellte sich heraus, dass sie früher den Front national von Marie und später Marine Le Pen gewählt hatte. Bis sie begann, sich genauer zu informieren. Inzwischen ist sie der Rechten gegenüber kritisch – im Unterschied zu ihrem einen Sohn, der immer noch in Nice lebt und sie nicht in Roquesteron besucht. Ihre Enkelkinder hingegen kommen gerne bei ihr zu Besuch und schätzen die Natur.
Wir sassen gegen 2 Stunden zusammen am Tisch und diskutierten angeregt. Monique meinte, sie sehe es den Gästen bereits bei der Begrüssung an, ob sie offen für Gespräche seien oder nicht. Bis ich mich dann doch bereit machen musste, denn die Schlussetappe stand bevor. Merci Monique pour ta hospitalité!
Ich wusste, dass es zuerst mehrheitlich bergab gehen würde, aber trotzdem gab mir Google Maps an, dass noch rund 200 Höhenmeter zu bewältigen sind. Schliesslich erreichte ich das Dorf Gilette, dessen Name mich an die Werbung des Rasiergeräteherstellers Philipps erinnerte. Ich machte eine kurze Rast.
Die Abfahrt nach Saint-Martin-du-Var war wieder vom Feinsten. Diesmal ohne Videoaufzeichnung – Ruedi meinte, der Mehrwert sei überschaubar. Inzwischen habe ich das Teil auch auf Instagram gepostet und einige Reaktionen darauf erhalten. Joy Wyler meinte "Heb der Sorg", Severin Rüegg kommentierte mit "Vice Le Velo!" (er wollte wohl sagen „Vive Le Vélo!“).
In der Ebene angelangt, wo der Esteron (von Roquesteron) Richtung Meer fliesst und ich noch rund 20 Km zu fahren habe, kriege ich eine gehörige Portion Gegenwind ab. Ich erinnere mich wehmütig an unsere Radlergruppe in den 2000er-Jahren, die das Windschattenfahren in Reinkultur beherrschte. Da überholt mich eine junge Frau mit E-Bike. Da sie aber nur unwesentlich schneller fährt, schliesse ich zu ihr auf und frage sie, ob ich in ihrem Windschatten fahren dürfte. Nachdem sie ihre Kopfhörer runtergenommen und meine Frage verstanden hat, nickt sie bereitwillig. So kann ich mich für kurze Zeit etwas ausruhen, bis sie mir leider mitteilt, dass sie vom Radweg abzweigen muss. Dann war ich wieder auf mich allein gestellt – Devise: Kopf runter und pedalen (in Abwandlung einer legendären Aussage der Schweizer Leichtathletin Anita Weiermann).
Schliesslich erreichte ich Saint-Laurent-du-Var und wusste, dass das Meer nicht mehr weit ist. Da ich gewisse Abzweigungen nicht verpassen durfte und prompt an gewissen vorbeigefahren war, öffnete ich mein Lenkertäschli und konsultierte auf dem iPhone Google Maps. In diesem Moment überfahre ich eine künstliche Bodenwelle (für die Verlangsamung des Verkehrs), was zu einem Rumpler führt. Da lüpft es mir doch prompt mein Phone aus dem Täschli, das zu Boden fällt. Zum Glück habe ich ein Lederetui drum rum und es fährt kein nachfolgendes Auto drüber. Ja, manchmal braucht es wenig und die restlos positive Bilanz meiner Tour wäre doch noch getrübt worden.
So konnte ich unverzagt auf dem Veloweg am Flughafen Nice vorbei Richtung Zentrum radeln. Es war Zeit, Beatrice über meine bevorstehende Ankunft zu informieren. Sie ist eine langjährige Freundin von Kathrin, die mir ermöglicht, drei Wochen ihr Studio zu benützen. Kathrin wird heute ebenfalls nach Nice kommen, um ein paar Tage mit mir zu verbringen. Beatrice wird am Sonntag in die Schweiz zurückkehren.
Bevor ich zur Wohnung fahre mach ich auf der Promenade des Anglais ein Selfie mit dem Meer im Hintergrund. Auch das ist eine Erinnerung an unsere Radlergruppe. Im ersten Jahr, in dem ich Teil der Gruppe wurde, waren wir von Martigny nach Nice gefahren und hatten einige der grossen französischen Alpenpässe bezwungen. Zum Schluss entstand das Foto unserer Ankunft. Es war die Initialzündung zu meiner Tour: ich wollte nochmal mit dem Velo in Nice ankommen, 25 Jahre nach dem ersten Mal. Mission accomplie!
Nachtrag zu meinem Vater: Nachdem die Operation erfolgreich verlaufen war, kam das Spital Bruderholz bei Basel zum Schluss, dass mein Vater wieder in die Seniorenresidenz nach Pratteln zurückkehren könne. Am Morgen meldete sich deren Pflegedienstleiterin bei mir und drückte ihr Erstaunen darüber aus, dass mein 91-jähriger Vater bereits zwei Tage nach der Operation aus dem Spital entlassen werden sollte. Wir vereinbarten, dass er zur besseren Betreuung vorübergehend nicht in seiner Wohnung, sondern in einem Pflegezimmer untergebracht wird.
Am Abend ruft mir meine Schwester Gabriela an. Die Pflegeperson der Senevita halte es für unzumutbar, unseren Vater in dessen momentanen Zustand zu betreuen. Er wird mit Blaulicht ins Kantonsspital Liestal transportiert, weil er offenbar dringend Sauerstoff benötigt. Meine Schwester ist sehr aufgebracht und will am Montag Rücksprache mit dem Spital Bruderholz nehmen. Senevita erwägt sogar eine Beschwerde.
Für mich ist es schwierig, die Geschehnisse aus der Distanz zu beurteilen. Mich sorgt vor allem, was das alles mit meinem Vater macht. Ich werde mich morgen in Liestal erkundigen und hoffe, dass er die Nacht gut übersteht.