Jean-Paul Le fil de la vie

25. April 2026

Jean-Paul meldet sich. Er möchte mich zum Essen einladen. Er schlägt als Treffpunkt die Statue von Apollon auf der Place Masséna vor. In der Nähe befindet sich das Restaurant seines Sohnes, wo er einen Tisch für uns reserviert hat.

Gestern zeigte er mir vor dem Beginn des Turniers einen Ausweis des Schweizer Konsulats in Marseille aus den 70er-Jahren. Und auf eine Uhr ist er besonders stolz: die Vorderseite zeigt den alten Schweizer Franken, die Rückseite das Schweizer Kreuz. Das wolle er mir als Beweis zeigen, damit ich sehe, dass seine „Double nationalité“ nicht erfunden sei. Bereits bei der ersten Begegnung letzte Woche hatte er kurz von seinem Vater aus dem Kanton Freiburg erzählt. Wie er nach Frankreich gekommen ist, sagte er nicht. Nur so viel: sein Leben sei nicht geradlinig verlaufen. Jean-Paul wird am 14. Juli 70 Jahre alt.

Er lädt mich auf einen Drink in eine Bar an der Promenade des Anglais ein und beginnt aus seinem Leben zu erzählen. Er kommt in Paris auf die Welt. Sein Vater stirbt, als er neun Monate alt ist. Seine Mutter ist psychisch angeschlagen, ihr Vater lässt sie in eine psychiatrische Klinik einweisen. Jean-Paul wächst bei seinen Grosseltern väterlicherseits in Aix-en-Provence auf.

Mit 18 will er die Welt entdecken. Das französische Militär ermöglicht ihm dies. Er tritt in die Fremdenlegion ein und leistet Dienst in Djibouti, eine französische Kolonie, die 1977 unabhängig wird. In Äthiopien wird er Zeuge einer Hungerkatastrophe: er geht durch Strassen, auf denen tote Menschen liegen.

Mit 25 wird er Vater. Sein Sohn Lionel kommt zur Welt. Seine Frau ist erst 17 Jahre alt. Später folgt ein zweiter Sohn, den er in Anlehnung an unseren Schweizer Volkshelden Guillaume nennt. Die Ehe zerbricht nach 12 Jahren. Die Söhne bleiben bei ihm. Während zehn Jahren habe er wie verrückt gearbeitet, um seinen Söhnen auf Reisen die Welt zeigen zu können.

Wir gehen ins Restaurant, wo sein Sohn arbeitet, der dort offenbar eine leitende Stellung innehat. Jean-Paul sagt der Angestellten, er sei der Vater von Lionel. Sie weist uns bereitwillig einen Tisch zu. Wir setzen uns. Der Sohn geht am Tisch vorbei. Er scheint stark beschäftigt und wirkt gehetzt. Bis er zurückkommt und seinen Vater auffordert, mit ihm nach hinten zu gehen. Kurze Zeit später erscheint Jean-Paul. Sein Sohn wolle uns nicht bedienen. Wir verlassen das Lokal.

Es betrübt mich, dass Jean-Paul so was erleben muss. Er hatte keinen Vater und wollte ein umso besserer Vater seiner Söhne sein. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass das Verhältnis zwischen Sohn und Vater nicht einfach ist. Wir wählen unsere Eltern nicht. Sie haben ihre eigene, teilweise traumatische Geschichte. Wir wurden auch davon geprägt.

Wir gehen an einem andern Ort essen. Jean-Paul erzählt weiter aus seinem Leben. Er vertraue mir Dinge an, die er sonst niemandem erzähle. Er hat mit seiner Mutter Erschütterndes erleben müssen. Und seine zweite Frau hat ihn vor ein paar Jahren verlassen. Das bedrückt ihn immer noch sehr. Jean-Paul wirkt haltlos. Er trinkt Alkohol. Nach einer Phase der Abstinenz ist er wieder sichtlich davon gezeichnet. Sein extravertiertes Verhalten ist auch dem Alkohol geschuldet.

Wir verlassen das Lokal und verabschieden uns. Ich spaziere nach Hause. Auch ich spüre den Alkohol, mein Schritt ist etwas schwankend, aber ich komme unbeschadet in der Wohnung an.

Die Lebensgeschichte von Jean-Paul hallt nach. Es braucht eine grosse Resilienz, um Schicksalsschläge, wie er sie erlebt hat, zu verarbeiten. Manchmal hilft nur Verdrängung.

Am Morgen schreibe ich Jean-Paul:

„Cher Jean-Paul, j'aimerais te remercier pour ton invitation très généreuse hier soir. J'ai bu un peu trop d’alcool ce que je ressentais sur mon chemin vers l'appartement. Merci pour partager le fil de ta vie. Je vois bien qu'en ce moment c'est très difficile pour toi après la séparation de ta femme. J'espère que tu as encore passé une belle soirée pas trop agitée. Je te souhais un beau temps à Aix avec tes cousines. Amicalement, Théo“

Jean-Paul schreibt zurück:

„Merci l'Ami. Prends bien soin de toi.... Jean-Paul“