Hanami Eine Komposition nimmt Form an
25. Mai 2026
Im März beginnt bei uns auf dem Balkon das Kirschbäumlein zu blühen. Es ist die erste Pflanze im ganzen Park, der im Volksmund „Vögeligärtli“ genannt wird, weil hier mal Vogelvolieren standen.
In jener Zeit suche ich nach einem Thema für meine nächste Komposition an der Hochschule für Musik Luzern. Am Klavier entdecke ich über Improvisation Harmonien und Melodien. Als ich auf einem sogenannten Leadsheet die Melodie und die Akkordbegleitung beisammen habe, zeige ich es bei der nächsten Einzelstunde meinem Dozenten Ed Partyka. Mit seinem unterkühlten Humor meint er, es könnte was draus werden. Was ihm weniger gefällt, sind die Tonwiederholungen in der Melodie.
Diese Tonwiederholungen sind jedoch gang und gäbe im Gesang, der meist ein paar wenige Töne umkreist. Deshalb komme ich auf die Idee, die Melodie nicht für ein Blasinstrument zu schreiben wie bisher, sondern für die Stimme. Kathrin hatte in der Vergangenheit immer mal wieder gefragt, ob ich denn nicht mal was für Gesang schreiben wolle. Nun war die Idee da – und ich fragte sie, ob sie Lust habe, ausgehend von der Melodie einen Text zu schreiben. Kathrin winkte ab, weil sie im Moment beruflich sehr beansprucht war. Aber sie zeigte sich bereit, den Gesangspart zu übernehmen.
Es war also an mir, einen Text zu schreiben. Und da kommt wieder das Kirschbäumlein ins Spiel, das inzwischen zu voller Blüte gelangt ist. Die schneeweissen Blüten ziehen sofort Bienen und andere Insekten an. Die Blütenpracht entwickelt sich innerhalb kurzer Zeit. Aber sie ist auch bald wieder vorbei. Vor allem dann, wenn der Wind oder Regen die Blüten schüttelt oder zu Boden schlägt.
Das Bild der rasch vergehenden Blüte ist für mich Sinnbild für das Älterwerden. Ich bin eben erst 65 Jahre alt geworden, und es beschäftigt mich, wie ich im Alter sinnvoll tätig bleiben kann (Link Story Pensionierung). In dieser Gemütsverfassung schreibe ich einen Strophentext für meine Komposition. Dafür verwende ich die KI von Google und lasse mir Vorschläge auf Englisch machen. Schliesslich steht folgender Text:
"Now I see the tree / standing on our balcony.
Full of cherry blooms / short will be the time for joy.
If the rain should fall / it is knocking the blossoms down.
All the beauty's gone / is gone oh gone.
Now I'm sixty five / standing here with open heart.
Beeing grateful / for alle life gave me from the start.
With the rising sun / I set sail for some new shores.
Leave behind what was! / Get what's in store!
Should the storm arrive / I will keep my peace.
Blossoms may fall / yet my hope won't cease.
Looking to the horizon / where the sunlight gleams.
Chase all your dreams!"
Letzte Woche hätte die 1. Probe des Stücks stattfinden sollen. David Grottschreiber, Leiter der Bigband, liess zuerst die Rhythmusgruppe die Begleitung spielen. Dann waren die Bläser dran. Aber die Töne der Saxophone klangen falsch. Das Problem: Ich hatte für das Sopran- und Altsax keine transponierten Versionen ausgedruckt. Und da ich den Computer nicht dabei hatte, konnte ich den Fehler auch nicht beheben. Deshalb brach David die Probe ab.
Es war ärgerlich. Ich war vergebens an die Hochschule gekommen und musste unverrichteter Dinge wieder abziehen. Es gab aber auch noch andere Fehler in der Partitur, die ich in der Zwischenzeit beheben konnte. Je mehr Distanz ich dazu kriegte, desto eher konnte ich die Vorteile der Verschiebung erkennen. Nun steht am Mittwoch die 2. Probe an.