Ankommen in Sausset-les-Pins Von japanischen Pflaumen bzw. Aprikosen

5. Mai 2026

Der Zug kam gestern pünktlich in Sausset an. Zum Glück regnete es nur leicht, denn ich musste zu Fuss ca. 500 m zum Studio gehen. Es liegt an der Rue des Lauriers in einem ruhigen Einfamilienhaus-Quartier etwas unterhalb der Bahnlinie. Als ich ankomme, ist Gastgeberin Martine noch nicht hier, aber ihr Mann. Als ich erzähle, dass ich die Gegend von Ferien in Carry her kenne, erwähnt er, die beiden Gemeinden hätten sich vor 100 Jahren getrennt. Dank des Eisenbahnbaus sei Sausset stark gewachsen, offenbar auch in seinem Selbstbewusstein, was zu Spannungen in der Gemeinde geführt habe.

Da kommt auch schon Madame im Auto herangefahren. Martine zeigt mir das Studio, das sich als kleine Wohnung herausstellt: Küche und Bad top modern, erst vor ein paar Jahren erneuert, mit einer separaten kleinen Stube und dem Schlafzimmer. Über deren Einrichtung bzw. den Geschmack der Gastgeber:innen kann man streiten. Unbestritten ist ihre Gastfreundlichkeit: sie schenken mir zur Ankunft ein Glas selber gemachte Feigenkonfitüre und zwei kleine Früchte, die ich zum ersten Mal in meinem Lebe sehe: die japanische Pflaume oder Aprikose, genannt Ume. Auf Wikipedia lese ich:

„Ume (Prunus mume; von jap. 梅, kana うめ)[1][2][3][4][5], auch Japanische Aprikose, Japanische Pflaume oder Winterkirsche, ist eine Pflanzenart aus der Gattung Prunus in der Familie der Rosengewächse (Rosaceae). Sie gehört wie die Aprikose und die Sibirische Aprikose zur Sektion Armeniaca in der Untergattung Prunus. Eine andere oft als „Japanische Pflaume“ bezeichnete Art ist die Sumomo (Prunus salicina).“

Ich gehe durch's Quartier runter zum Hafen. Es regnet nun stärker. Ich bin froh, dass Madame mir den Schirm zeigte, den ich nun sehr gut gebrauchen kann. Ich erinnere mich nicht, ob und wann ich überhaupt je in Frankreich einen Schirm benötigt habe. Unten am Hafen gibt es nur wenige Restaurants, die am Montag geöffnet haben. Ich setze mich in eines, trinke ein Glas Wein und geniesse den Ausblick auf den Hafen. Das Wetter trübt die Stimmung etwas. Vielleicht muss ich mich aber auch wieder an das Alleinsein gewöhnen. Hinzu kommt, dass ich mich nach Nizza an einem neuen Ort einleben muss. Auf dem Rückweg kaufe ich im Carrefour die Grundnahrungsmittel ein. Der Sack wird recht schwer. Hinzu kommt, dass der Regen stärker wird. Ja, der Anfang in Sausset ist nicht gerade einladend, aber der Anfang ist gemacht.

Kein Vergleich heute Morgen. Die Sonne scheint, der Himmel ist noch leicht bewölkt. Ich nutze die japanischen Aprikosen für mein Müesli. Martine empfahl mir, die Früchte zu schälen. Im Innern finden sich zwei, in einer sogar drei Kerne. Die Frucht ist weicher und saftiger als die Aprikose, also doch eher einer Pflaume ähnlich. Sie ist sehr bekömmlich und nicht zu süss. Ein wunderbarer Start in den Morgen.

Zuerst habe ich aber noch mit technischen Problemen zu kämpfen. Da ich gestern Abend vergass, Kaffeepulver zu kaufen, möchte ich die Nespresso-Maschine benutzen. Doch ich verstehe beim besten Willen nicht, wie die Kapsel einzusetzen ist. Das Modell von Philips hat im Innern eine andere Konstruktion als jene, die mir bekannt ist. Ich rufe Martine an. Ihr Mann kommt vorbei und stellt fest, dass der Teil zum Einsetzen der Kapsel hängen bleibt, statt wie vorgesehen hochkommt, wenn man den Deckel nach oben zieht. Zweifellos kann ein handwerklich begabter Mensch intuitiv erkennen, wo das Problem liegt. Ich bin es nicht.

Dass auch begabte Menschen manchmal anstehen, zeigt die Bedienung des Induktionsherdes. Martine hat mir gestern Abend das Teil erklärt. Nun will ich die Milch wärmen und schaffe es nicht, die Temperaturhöhe einzustellen. Auch ihr Mann drückt vergebens auf der Schaltfläche rum, ohne dass sich etwas tut. Er will schon nach der Bedienungsanleitung suchen, als er zufällig seinen Finger etwas länger auf der Fläche hält und die Anzeige der Temperatur erscheint. Für mich erschliesst sich nicht intuitiv, warum die Tasten unterschiedlich lang gedrückt werden müssen. Meiner Meinung nach sollte es immer gleich lang sein. Sonst müsste in der Bedienungsanleitung ja explizit stehen: "Im Unterschied zur Powertaste, wo eine kurze Berührung reicht, muss für die Aktivierung der Temperatur die Herdtaste etwas länger gedrückt werden."

Nun ist alles bereit. Inzwischen haben sich die Wolken am Himmel verzogen. Ich esse bei offener Türe und lausche den Geräuschen im Quartier: bellende Hunde, Geräusche einer Schleifmaschine, der Ruf der Tauben. Und im Garten steht der Baum, von dem die Früchte stammen.

Nach dem Mittagessen telefoniere ich mit dem Spital Bruderholz bei Basel. Ich möchte wissen, wie es um meinen Vater steht, der Ende dieser Woche entlassen werden soll. Nach der irritierenden Erfahrung Anfang des letzten Monats, wo er nach der Operation Knall auf Fall zurück in die Senevita gebracht wurde, will ich mich über den Stand der Vorbereitungen informieren.

Stationsärztin Schmelzer erzählt mir, dass mein Vater Fortschritte im Gehen mache mit Hilfe eines „Böckli“ – eine Gehhilfe mit vier Stangen, jedoch ohne Räder. Für den Rollator sei es noch zu früh. Deshalb hat sie bei der Krankenkasse eine zweite Verlängerung der Reha beantragt, die nun bis zum 15. Mai bewilligt ist.

Im Hinblick auf seine Entlassung klärt nun das Patientenmanagement bei der Senevita ab, ob mein Vater dort vorübergehend in einem sogenannten „Ferienzimmer“ betreut werden kann – ein Zimmer auf Zeit, wo die Pflege für ihn jederzeit erreichbar ist. Vorläufig kann er noch nicht wieder selbständig in seiner Alterswohnung leben.

Weil er sehr grosse Mühe mit Wasser lassen hat, verordnete der leitende Arzt einen Katheter. Dieser ist vorläufig sein Begleiter. Ob sich daran noch etwas ändern wird, müsse seine Urologin beurteilen. Möglich wäre eine Operation, bei der die Prostata „ausgeschabt“ wird.

Später telefoniere ich mit meinem Vater. Er nimmt diese Veränderungen erstaunlich gelassen. Manchmal bin ich mir jedoch nicht sicher, ob er deren Tragweite ganz erfasst. Vielleicht ist das ja ein willkommener Effekt der Demenzerkrankung, denke ich, dass wir ganz im Jetzt leben und uns keine Sorgen um die Zukunft machen.

Falls er tatsächlich am 15. Mai wieder in die Senevita zurückkehren sollte, fällt dies mit meiner Rückkehr in die Schweiz zusammen. Ich bin froh, wenn ich ihn dann wieder persönlich besuchen kann. Rückblickend bin ich dankbar, dass sich nach den beunruhigenden Nachrichten zu Beginn meiner Reise die Gesundheit meines Vaters wieder verbessert hat.

Ich fahre mit dem Velo ins Dorf, um mir Zigaretten zu kaufen, und trinke draussen vor einer Bar ein Bier. Mein Blick geht auf einen Kreisel, der Verkehr ist rege, auch einige Touristen gehen vorbei. Es ist Anfang der Saison. Auch hier wird der Tourismus zunehmen. Im Hintergrund liegt der Hafen, am Horizont sehe ich die Felsen vor Marseille in der Sonne leuchten.

Als ich zurück in die Unterkunft komme, ist der Mann meiner Gastgeberin gerade im Innenhof. Ich erzähle ihm, wie gut die japanische Aprikose geschmeckt hat. Auf Französisch heisst sie „la nèfle“, der Baum „le néflier“. Da die Kernen relativ gross sind und das Fruchtfleisch entsprechend gering ist, gibt es einen Spruch: „Des nèfles!“ Der Dictionnaire Notre Temps schreibt dazu:

„Cette expression a été inventée au cours du XVIIe siècle. Les nèfles sont les fruits du néflier et étaient considérés, tout comme le navet, comme très fades. Le mot "nèfle" était utilisé pour parler de quelque chose sans valeur puis il s’est imposé dans l’expression "on vous donnera des nèfles" qui voulait dire "on ne vous donnera rien". De nos jours, l’expression s’est réduite à " des nèfles" mais son sens n’a pas changé.“

Mein Gastgeber war trotzdem so begeistert von ihnen, dass er inzwischen vier Bäume im Garten stehen hat – alle selbst von ihm mittels Kernen gepflanzt und aufgezogen. Gestern bei meiner Ankunft war er damit beschäftigt, aus dem Fruchtfleisch Confitüre zu machen. Nun schenkt er mir ein Glas. Da kann ich nur sagen: La vie est dure sans confiture.

Der Hafen von Sausset-les-Pins