NAZA II Zur Ethik des Filmemachens

Szene aus dem Film „NAZA“

23. Oktober 2026

Der Film klingt nach. Was mich besonders beschäftigt, sind Fragen, die mit der Herstellung des Filmes in Zusammenhang stehen. Zu allererst mache ich mir Gedanken zu den Protagonist:innen, die sich für den Film zur Verfügung gestellt haben. Die Filmemacher:innen haben sie zu ihrem Schutz anonymisiert: Gesichter und Stimmen sind verändert, die Gespräche finden in der Nacht auf Hochhausdächern in der Stadt Tel Aviv statt. Trotz der Dunkelheit und der Anonymisierung sind die Protagonist:innen mit ihrer Silhouette sichtbar. Ich frage mich, ob es dem Geheimdienst, dem sie angehören, nicht doch möglich ist, zum Beispiel mit Hilfe von KI, die Persönlichkeit der Zeitzeug:innen zu rekonstruieren.

Ich stelle mir vor, wie sich das Leben der Protagonist:innen seit der Uraufführung am Filmfestival von Venedig verändert hat. Sie leben ein Doppelleben. Sie müssen verschweigen, dass sie am Film mitgewirkt haben. Selbst ein Gespräch mit ihren Partner:innen und Familienangehörigen ist riskant. Niemand darf davon wissen. Sie sind auf sich allein gestellt. Wenn sie immer noch beim Geheimdienst arbeiten, muss die innere Spannung unvorstellbar sein. Die Führung wird alles daran setzen, die "Verräter" in den eigenen Reihen zu entdecken. Es ist eine Frage der Zeit, bis sie sich selbst verraten oder verraten werden.

Ich erinnere mich an den Schriftsteller und Filmemacher Roberto Saviano, der die Mafia zum Thema machte. Er lebt seither im Untergrund, mit zweiter Identität und unter Bewachung. Er hat sich für diesen Weg entschieden und trägt die Verantwortung dafür selbst. Nun könnte man sagen, dass auch die Protagonist:innen von NAZA sich im vollen Bewusstsein der Konsequenzen für eine Teilnahme am Film entschieden haben. Nichtsdestotrotz sehe ich die Filmemacher:innen in der Verantwortung. Wie weit geht ihre Verantwortung?

Die Filmemacher:innen erinnern mich an Journalist:innen. Diese können manchmal Dinge nur an die Öffentlichkeit bringen, wenn sie verdeckt recherchieren und ihre Quellen anonymisieren. Der Quellenschutz ist ein wichtiges Gut unserer Demokratie, wird aber immer wieder in Frage gestellt – in Kriegszeiten noch mehr als in Friedenszeiten. Dabei geht es um die zentrale Frage, wie hoch das Recht der Öffentlichkeit gewichtet wird, dass sie über geheimgehaltene Sachverhalte informiert wird. Die Filmemacher:innen gewichten die Dringlichkeit ihrer Mission so stark, dass sie in Kauf nehmen, dass ihre Protagonist:innen verhaftet und verurteilt werden. Sie können sie nicht schützen. Schon gar nicht, wenn sie sich ins Ausland abgesetzt haben.

Die Frage ist, ob die Produzent:innen des Films – u.a. die englische Zeitung "Guardian" – in der Lage sind, diese Verantwortung zu übernehmen. Ich kenne die Verträge, die die Produktionsfirmen mit den Protagonist:innen abgeschlossen haben, nicht. Ich bezweifle, dass sie angesichts des israelischen Staates fähig sind, für ihre Sicherheit zu bürgen. Selbst wenn die Protagonist:innen sich in den Verträgen einverstanden erklärten, halte ich es für sehr problematisch, sie für ein solches Filmprojekt zu engagieren.